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Porträt Klemens Röthig

Klemens Röthig

  • Family Counselor, Heilpraktiker Psychotherapie, Pädagoge
  • Jahrgang 1967
  • Lebensgefährtin, zwei gemeinsame Kinder

Ich habe meinen beruflichen Werdegang als Krankenpfleger begonnen und später mehrere Jahre als Pädagoge in Kindergarten, Grund- und Oberschule gearbeitet. Seit meiner Ausbildung zum Family Counselor arbeite ich mit Familien und Paaren und habe viele verschiedene Gruppen geleitet (Elternbildung, Trauerbegleitung, Supervision).

Außerdem gestalte ich regelmäßig Weiterbildungen zum Thema: Wie können wir Präsenz, Empathie und Beziehungskompetenz weiterentwickeln, wenn wir mit Kindern, Jugendlichen und deren Eltern arbeiten? Immer wieder fordert und fasziniert mich, diesen Ansatz zu vermitteln und gleichzeitig das Gefühl für mich selbst und den Kontakt zu meinem Gegenüber in der Aufmerksamkeit zu behalten.

„Du solltest Artikel schreiben oder ein Buch“, hatte mir Jesper Juul mit auf den Weg gegeben. Meistens finde ich, dass die wichtigen Sachen schon geschrieben sind. Aber wenn ich mich frage, was mich gerade beschäftigt, was neu für mich ist und was ich besser verstehen will, dann setze ich mich manchmal hin und schreibe es auf. Und fühle mich in diesem Blog in guter Gesellschaft.

Blogbeiträge von Klemens Röthig:

Frau und Mädchen schauen sich an und lächeln
Foto © Kira Hofmann

Ein kleiner Junge sitzt im Einkaufswagen im Supermarkt und singt hingebungsvoll vor sich hin. Inmitten der maskierten und aufs Einkaufen konzentrierten Erwachsenen wirkt er wie eine Insel der Entspannung. Ich schaue ihm fasziniert zu und muss dabei lächeln. Da treffen sich unsere Blicke. In seinem Gesicht entsteht auch ein Lächeln, aber auf halbem Weg hört es auf. Wie eingefroren. Mir ist klar, dass es mit meiner Maske zu tun haben kann und ich versuche umso mehr, mit meinen Augen zu lächeln. Es gelingt mir nicht, ich gehe vorbei, der Junge hat aufgehört zu singen und schaut weg.

Ich ärgere mich über diesen Ausgang, schimpfe innerlich über die Pandemie und drifte ab in Gedanken darüber, wie kleine Kinder die Umwelt auf Dauer erleben, wenn ihre Möglichkeiten eingeschränkt werden, in Gesichtern zu lesen. Ich stehe vor einem Regal und habe den Faden bei meinem Einkauf verloren, denn eigentlich ist mein Kopf damit beschäftigt, eine Lösung für das von mir gerade bemerkte Problem zu finden. Ich muss mich daran erinnern, dass ich das gar nicht kann. Mein Wunsch zu helfen sitzt oft in der ersten Reihe.

Ich frage mich, woher der Impuls kommt, Probleme schnell zu lösen. Neulich klopfte an die Tür meines Beratungsraumes die Kosmetikerin, die ihr Studio auf demselben Gang hat. Ihr Staubsauger funktionierte nicht, ob ich mal schauen könnte. Ich hatte den Knopf schnell gefunden, sie bedankte sich, ich freute mich geholfen zu haben und weg war sie. Danach stand ich wieder allein da und dachte an den Klienten, mit dem ich kurz vorher über seine Trennung gesprochen hatte. Er hatte gesagt, dass es ein gutes Gespräch für ihn war, aber der Vergleich zum Staubsauger fiel mir halt auf.

Zum Glück gibt es viele andere, die sich auch mit dem Helfen wollen beschäftigt haben. Bei einem Vortrag der Schriftstellerin Anne Lamott hieß es: „Hör auf zu helfen! Wenn es das Problem von jemand anderem ist, dann hast du wahrscheinlich sowieso keine Lösung!“ Und der Familientherapeut Jesper Juul behauptete sogar einmal, wir hätten gar nicht das Recht zu helfen. Und dem, der sich nicht helfen lässt, kann man laut einem Sprichwort sowieso nicht helfen.

Helfen scheint also gar nicht so einfach zu sein. Selbst wenn Menschen zum Ausdruck bringen, dass sie ein Problem haben, heißt das überhaupt nicht automatisch, dass sie auch einen Rat wollen. In den meisten Fällen geht es erst mal um etwas anderes. Ich habe schon oft den irritierten Blick von Männern gesehen, wenn ihre Frauen ihnen mitteilen, dass sie gar keine Hilfe wollen, wenn es ihnen schlecht geht, sondern dass sie sich wünschen, dass man ihnen zuhört. Helfen verboten! Aber dann gibt es die Momente, in denen Menschen sich auf einmal selbst ernsthaft fragen: „Was soll ich bloß tun?“ Ich glaube inzwischen, dass es an solchen Stellen sinnvoller ist, sich in dem momentanen Dilemma etwas aufzuhalten, als möglichst schnell wieder herauszukommen.

Für manche Menschen ist es überhaupt unangenehm, am empfangenden Ende einer Hilfe zu sitzen. Vielleicht sind sie es mehr gewöhnt, auf der gebenden Seite zu sein oder es fühlt sich falsch für sie an, etwas nicht allein zu schaffen. Wenn ich jemandem helfen will, kann es auch passieren, dass ich einen hervorragenden Ratschlag besitze, ihn aber auf eine blöde Art oder zum falschen Zeitpunkt mitteile. Das nützt dann gar nichts. Es kann auch sein, dass ich mir die beste Mühe gebe und die andere Person will meine Unterstützung nicht. Dann kann Helfen-Wollen übergriffig werden. Damit das nicht geschieht, ist es wichtig, zu unterscheiden, ob meine Hilfe der anderen Person dient oder eigentlich mir selbst.

Und oft ist das, wobei ich helfen will, einfach zu groß. Zum Beispiel bei existentiellen Themen wie Tod, Trennung oder halt bei einer Pandemie. Für mich ist deshalb die Frage wichtig geworden, die die Empathieforscherin Eve Ekman Krankenschwestern in einem Hospiz gestellt hat: „Wenn du dich nicht erfolgreich fühlen kannst dadurch, dass du jemandem hilfst, gesund zu werden oder seine Probleme zu lösen, gibt es etwas anderes im Zusammensein mit der Person, was dein Sein erfolgreich machen könnte?“

Den Jungen im Einkaufswagen kann ich nicht vor den Auswirkungen der Gesichtsbedeckung schützen, aber ich werde auf jeden Fall wieder lächeln, wenn mir danach ist. Und vielleicht zeige ich das nächste Mal kurz mein ganzes Gesicht.

 

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