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„Was wirklich, wirklich wichtig ist für Kinder sind Erwachsene, die jeden Morgen aufstehen und sagen: ‚Es wird spannend heute, welches Geschenk bekomme ich heute von meinem Kind, was kann ich heute über mich lernen?‘“

Jesper Juul

Warum beschäftigen wir uns bei der IGfB mit dem Thema Empathie in Schulen und pädagogischen Institutionen? Ich werde manchmal skeptisch gefragt, ob das wirklich ein Thema der Schule ist. Themen hat die Schule schon genug. Und von Lehrer/innen höre ich, dass sie oft das Gefühl haben zu empathisch, zu mitfühlend zu sein. Sie erleben, dass ihnen manches sehr nahe geht und sind mit den wirklich herausfordernden Kindern in dem System überfordert. Sie fragen sich eher wie sie sich gut abgrenzen können und wie sie die vielfältigen Themen und Erfahrungen ihrer Schüler nicht zu ihren eigenen machen. Sie sehnen sich manchmal auch danach „einfach Unterricht“ zu machen. Und sie wünschen sich bessere Arbeitsbedingungen.

Auch wir bei der IGfB sehen die Notwendigkeit großer Veränderungen im System, (das ist aber nicht unser Arbeitsfokus – das können andere besser und haben andere Hebel) aber wir sehen und erleben viel Potential in jedem einzelnen Menschen. Wir haben umfassendes Knowhow wie der direkte Kontakt zwischen Erwachsenen und Kindern neu und anders gestaltet werden kann, damit gesunde und wertvolle Entwicklung und vielfältiges Lernen stattfinden kann. Auch in schwierigen Systemen.

Vielen Pädagogen/innen liegen ihre Schüler/innen sehr am Herzen. Sie wollen gut in Kontakt sein und ihnen das beibringen, was die Kinder für ihr Leben brauchen. Sie wollen Wissen spannend vermitteln und wollen dass es den Schüler/innen bei ihnen in der Klasse gut geht. Diese engagierten und interessierten Pädagogen/innen* treffen auf unterschiedlichste Kinder und Jugendliche. Quirlige Kinder, ruhige Kinder, Kinder, die unter Spannung stehen, Kinder, die nicht viel mit sich anzufangen wissen und Kinder, die sehr wissbegierig sind. Starke Kinder und schwache Kinder, Mobber und Gemobbte, Kinder, die in sich selbst verschwinden und Kinder, die außer sich sind. Eine große bunte Vielfalt an Kindern, die in Entwicklung sind und welche versuchen die Herausforderungen ihres jeweiligen Lebens zu meistern.

„Hellwach und ganz bei sich – Achtsamkeit und Empathie in der Schule“, der Titel des neuen Buches von Helle Jensen (erscheint im Herbst 2014) bringt unser Anliegen sehr schön auf den Punkt: Damit Kinder lernen und sich konzentrieren können, müssen sie hellwach sein und ganz bei sich. Aber warum, dann nicht einfach Achtsamkeitsübungen und meditative Techniken vermitteln?

 

Warum betonen wir den Aspekt der Empathieentwicklung? Hier ein paar Gedanken dazu**:

  • Weil Kinder gesehen werden müssen.

Das Bedürfnis von Kindern gesehen zu werden, ist ein existentielles Bedürfnis. Sie wollen von anderen Menschen anerkannt und erkannt werden. Sie wollen als individuelle Person einen Unterschied machen, relevant sein. Und sie müssen erleben, dass sie von relevanten Erwachsenen als die Person gesehen werden, die sie sind.

  • Weil eine gute Beziehungsatmosphäre die Basis für jede kognitive Leistung ist

Ich werde an dieser Stelle das Thema nicht ausführlich behandeln, weil das eine lange wissenschaftliche Abhandlung wäre. Aber wir wissen sowohl aus der langjährigen pädagogischen Erfahrung als auch aus verschiedenen wissenschaftlichen Studien***, dass das menschliche Gehirn sehr unterschiedlich funktioniert, je nach dem ob es aus Angst und Unsicherheit heraus funktioniert, oder ob es in einem entspannten und kreativen Modus ist. Dieser entspannte Modus stellt sich am leichtesten ein, wenn Kinder sich in der Gruppe angenommen fühlen, wenn sie sich sicher fühlen und wenn sie spüren, dass die erwachsene Bezugsperson, die Verantwortung für die zwischenmenschlichen Prozesse vor allem in Konfliktsituationen behält.

  • Weil Kinder sich im Kontakt mit anderen Menschen spüren.

Das Lernen über sich selbst findet zu einem Großteil im Kontakt und im Konflikt mit anderen Menschen statt. Kinder brauchen Erwachsene, die Worte für das haben, was sie erleben, aber auch die Konfrontation mit den Wünschen und Bedürfnissen anderer Menschen. Erst in der Begegnung mit anderen wird klar was „ich will“ und wo die eigenen Grenzen und Begrenzungen sind. Aber nicht nur die Grenzen sind wichtig. Die eigenen empathischen Gefühle, Gefühle der Dankbarkeit wirken sich auf sehr vielfältige Weise im Körper und im Gehirn positiv aus. ***

  • Weil Kinder ganze Menschen sind mit Körper, Bewusstsein, Geist, Herz und der ihnen jeweils eigenen Kreativität.

Um gut mit sich selbst in Kontakt zu sein, müssen wir uns als ganze Menschen begreifen. Es gibt verschiedene Tore zum Selbst, die gut integriert werden müssen. Es ist notwendig, dass Kinder lernen, sich vielfältig zu spüren und ihr Inneres mit dem Äußeren verbinden können. Ein gutes Selbstwertgefühl bedeutet das Kennen von sich selbst und das Wissen, wie ich mich hierzu verhalten kann.

  • Weil Kinder Sicherheit und Führung brauchen

Kinder brauchen von Pädagogen/innen sehr viel Klarheit, Sicherheit und wollen die Führung spüren. Wenn keine klare Führung da ist, übernehmen diese die Kinder, weil sie sich dann sicherer fühlen. Der pädagogische Alltag ist aber von Unsicherheit, Flexibilität und ständiger Veränderung geprägt. Das ist einfach die Realität, wenn viele unterschiedliche Bedürfnisse und Interessen zusammentreffen. Hier schnell und klar zu reagieren und Sicherheit in der Unsicherheit zu bekommen, verlangt von Pädagogen/innen ein sehr gutes Kennen ihrer selbst. Ein Wissen um ihre Grenzen und die Fähigkeit wirklich Führung zu übernehmen.

  • UND weil uns die seelische Gesundheit der Pädagogen/innen sehr wichtig ist!

Wir wissen, dass 3 Dinge zu wesentlich mehr Lebensfreude, Spaß am Arbeiten und der Fähigkeit besser auf die eigenen Bedürfnisse zu schauen führen: a) die Integration von dem Wissen und der Erfahrung, wie ich gut mit mir selber in Kontakt bin. b) das Wissen um das Wesen der Empathie und c) die Erweiterung der persönlichen Beziehungskompetenz. Das wollen wir Pädagogen/innen ermöglichen.

Alle diese Gründe verlangen von Lehrer/innen Kompetenzen, die sie nicht in der Ausbildung erworben haben. Diese Themen fordern auch auf persönlicher Ebene die meisten Menschen heraus.

Wir haben gemeinsam mit Helle Jensen ein Konzept mit zahlreichen Übungen entwickelt, damit Kinder und Pädagogen/innen ihr volles Potential entwickeln können. Wir verstehen die Schule als Lernort, wir finden das Entwickeln von kulturellen Fertigkeiten wichtig und das ganze Wissen dieser Welt unheimlich spannend. Kurz gesagt Bildung und Lernen sind für uns der Sinn und der Grund für Schulen. UND wir wissen, dass Kinder nur lernen können, egal ob im Frontalunterricht oder in offenen Lernformen, wenn sie ganz bei sich sind, sie klare Gedanken fassen können, emotional ruhig und entspannt sind und sich sicher in den Beziehungen getragen erleben. Unser Konzept ermöglicht Pädagogen/innen diese Qualitäten durch einfache Übungen in ihrem Alltag zu integrieren. Sie lernen für die Qualität der Beziehungen klarer Verantwortung zu übernehmen und sie lernen wie sie zuerst gut mit sich selbst und ihren eigenen Bedürfnissen in Kontakt sein können, damit sie das dann den Kindern leicht und unkompliziert näher bringen können. Es braucht hierfür keine neue Lernform, kein neues gesamtpädagogisches Konzept. Es sind Dinge, die einfach und persönlich in den jeweiligen pädagogischen Alltag einfließen können. Diese haben aber enorme Auswirkungen auf die Qualität des Lernens und stärken das Miteinander sehr. Deshalb setzen wir uns für Achtsamkeit und Empathie ein! Deshalb stärken wir in allen unseren Angeboten die Beziehungskompetenz der Teilnehmer/innen.

 



* Natürlich gibt es auch desillusionierte und verschlossene Pädagogen/innen und viele, die dazwischen hin und her pendeln. Viele schaffen es erfahrungsgemäß nicht so oft in unsere Seminare. Die holen wir in anderen Settings ab.

** Überall wo in diesem Abschnitt Kinder steht, könnte auch Mensch stehen. Diese Themen sind menschliche Grundbedürfnisse und Grundthemen.

*** Bei Interesse schicken wir gerne eine Literaturliste auf welche Forscher wir uns hier beziehen.

Ein Erfahrungsbericht von Robin Menges. 4 Tage reine Prozessbeobachtung von Familientherapie und Beratung.

Ich sitze im Flieger und bin satt von Erlebnissen, Eindrücken und Gefühlen der letzten Tage. Ich habe auch ein Mitteilungsbedürfnis und möchte von der starken Kraft des Lebens und der Kraft der Verletzlichkeit erzählen, die ich in den letzten Tagen erlebt habe. Und ich will einen Einblick in die experientielle Arbeitsweise mit Familien geben.

Der Anlass für diese Reise, war einerseits mein Wunsch mein familientherapeutisches Wissen zu vertiefen und andererseits der Wunsch meinem Bauchgehirn, meinem Spüren und Empfinden einen neuen Entwicklungsraum zu geben. Ich nahm deshalb als Hospitantin an der Familienwoche des Ausbildungslehrganges des dfti* teil. Es hätte auch auf inhaltlicher Ebene viel Anreiz gegeben, dabei zu sein und von den Lehrtherapeuten zu lernen. Da diese Woche aber auf Dänisch stattfand und mein Dänisch selbst nach dieser Erfahrung kaum mehr als eine Handvoll Wörter umfasst, konnte ich dabei auch ein Experiment machen, das mir schon lange vorschwebte: Eine inhaltliche Arbeit, die mir sehr vertraut ist, ausschließlich auf der Prozessebene zu beobachten.

Das hieß: alle Fragen, Gedanken und Themen, die sich normalerweise auf der Verstehensebene stellen, hinten anstellen und außer Acht lassen. Mich auf mich selbst, auf meine Gefühle und Assoziationen einlassen. Meine Sinneskanäle öffnen und mich darauf einlassen, das zu spüren, was ich in Resonanz mit den Einzelnen und auf der Beziehungsebene zwischen ihnen in der Sitzung erlebe.

Die Frauen und Männer der Familien, welche an dieser Woche teilnahmen, waren alle Auszubildende im vierten Ausbildungsjahr zum Familientherapeuten/zur Familientherapeutin. Die Familien waren so bunt wie das Leben und spiegelten die Gesellschaft und die Entwicklungen moderner Familien sehr vielfältig. Auch die Altersspanne der „Kinder“ bot die ganze Bandbreite von einem 2 jährigen Mädchen bis zu jungen Erwachsenen.

Die Besonderheit, dass jeweils ein Elternteil sich zum Familientherapeuten ausbilden lässt, weckt meiner Erfahrung nach Sehnsüchte und Wünsche für die eigene Familie, berührt aber auch sehr wunde persönliche Stellen, die man lieber nicht ansehen will. Man will das Gute und die Entwicklung, welche man in der therapeutischen Begleitung erlebt, für sich und seine Familie selbst erfahren. Gleichzeitig hat man als Fachperson in diesem Bereich den Anspruch, „alles auf die Reihe zu bekommen“, am besten „sehr gut“. Diesen Anspruch erlebte ich in diesen Tagen auch, aber es war für mich auffallend, wie wenig Unsicherheit ich spürte, wenn es darum ging mit seiner eigenen „unvollkommenen“ Familie in die „Mitte“ zu gehen; sich mit oder ohne Partner durch eine AusbildungskollegIn begleiten zu lassen, während alle anderen (Kinder und Erwachsene zuschauten). Ich erlebte hingegen sehr viel Offenheit, sehr viel Ringen, viel tiefen Schmerz und die starke Kraft der Verantwortungsübernahme.

Alle Prozesse ausschließlich auf der emotionalen und Körperebene beobachten und verfolgen zu können, war für mich eine sehr intensive und reiche Erfahrung. Als sich gegen Ende der Tage eine alleinerziehende Mutter mit ihren drei Töchtern Hilfe holte, und im Laufe des Gespräches die Jüngste ihren tiefen Schmerz sehr tränenreich zeigte, rannen auch mir die Tränen die Wangen herunter. Im Gegensatz zum Hören, wo ich als Beobachterin die Möglichkeit habe, das Gehörte und das Gespürte gleich einzuordnen und zu verstehen und damit etwas auf Distanz zu halten, spürte ich sehr unmittelbar, wie ich mich gefühlsmäßig nur ganz oder gar nicht einlassen kann. Gleichzeitig konnte ich dadurch, dass ich „nichts verstand“, relativ klar erkennen, mit welcher eigenen Trauer ich in Verbindung kam.

Ich möchte hier einen konkreten Therapieprozess beschreiben und veranschaulichen, was ich erlebte. Auch hier saß eine Mutter mit drei Kindern in der Mitte. In dieser Sitzung war zu Beginn das Eindrücklichste, die starke Einsamkeit der mittleren Tochter (ca. 13 Jahre) und Distanziertheit der Mutter gegenüber. Sie wirkte einsam und sehr verschlossen. Das Bild, das sich mir aufdrang war: dass sie „alleine“ da sitzt. Die Mutter schien etwas zu wollen, einen Anspruch an die Tochter zu haben, sich aber gleichzeitig in sich selbst zu verstecken. Ich hatte den Eindruck, dass sie ihre Tochter nicht überfordern wollte. Es war aber auch eine Sehnsucht der Mutter spürbar, etwas für ihre Tochter zu wollen. Die Signale der Mutter waren also sehr ambivalent.

Eine Wende trat ein, als die angehende Therapeutin die Mutter sehr feinfühlig ermutigte mehr von sich zu sprechen und zu äußern was sie wollte. Die Stimme der Mutter wurde klarer und stärker, sie wandte sich unter Tränen dann dieser Tochter direkt zu.

Die Tochter, die bis dahin sehr verschlossen und abweisend dagesessen hatte, begann auch zu weinen und suchte wieder zwischendurch einen direkten Augenkontakt zur Mutter. Sie redete stockend und schluchzend, und ich konnte spüren, dass es sehr persönliche Worte waren.

Dies ist natürlich nur ein kleiner Ausschnitt, aber es faszinierte mich sehr, wie viel ich alleine durch das Beobachten und der inneren Offenheit „verstehen“ und erkennen konnte.

Bezeichnend waren für mich auch die wenigen dänischen Worte, die ich in diesen Tagen lernte, einfach weil sie gehäuft im Beratungskontext vorkamen. Es waren die Worte für „Reden”, „vermissen/nach etwas verlangen” und „hart arbeiten“. Diese drei Worte bringen für mich die Erfahrung dieser Tage sehr schön auf den Punkt. Ich erlebte viel harte, bewusste und intensive therapeutische Arbeit von Erwachsenen und Kindern. Ich erlebte aber auch ganz unmittelbar die faszinierenden Möglichkeiten, wenn man das Potential persönlicher Sprache mit den persönlichen tiefen und authentischen Sehnsüchten kombiniert.

Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen Familien bedanken, die mir Einblick in ihr Leben und ihre Entwicklungsprozesse gaben. Sie konnten sich oft nicht vorstellen, wie das für mich war. Ich möchte mich an dieser Stelle aber auch bei den LehrtherapeutInnen Peter Mortensen und Ruth Hansen bedanken, die mir in den Pausen und nach getaner Arbeit einen tiefen Einblick in ihre eigenen Prozesse und Gedanken gewährten. Wir waren alle sehr erstaunt darüber, wie viel ich ohne Sprache verstanden hatte und welche Details im Prozess auch ohne konkrete Inhalte sehr klar erfassbar waren.

 


*dfti – Dänisches Familientherapieinstitut: Dieses Ausbildungsinstitut hat sich aus der Familientherapeutischen Arbeit rund um Walter Kempler, Jesper Juul, Lund Mogens und anderen entwickelt. Sie bauen auf mehr als 30 Jahre Erfahrung auf und bieten Ausbildung in experientieller Familientherapie an. Das Institut wird von Peter Mortensen und Ruth Hansen geleitet. Die oben beschriebene Familienwoche wurde von ihnen beiden gemeinsam geleitet.

**IGfB – Internationale Gesellschaft für Beziehungskompetenz in Familie und Organisation: Die IGfB wurde in enger Kooperation mit dem dfti und Jesper Juul von Robin Menges gegründet, um die experientiellen Familientherapeutischen Ansätze, nach Österreich, Schweiz und in den Süddeutschen Raum zu bringen. Die IGfB bietet Fortbildungen in experientieller Familienberatung und Familientherapie, sowie zu anderen angrenzenden Themen für Fachleute an.