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„Was wirklich, wirklich wichtig ist für Kinder sind Erwachsene, die jeden Morgen aufstehen und sagen: ‚Es wird spannend heute, welches Geschenk bekomme ich heute von meinem Kind, was kann ich heute über mich lernen?‘“

Jesper Juul

Mobbing ist kein Problem des Verstehens

Mobbing ist ein emotionales Problem: ein zwischenmenschliches und soziales Problem. Mobben kann man nicht alleine und das muss sowohl Prävention als auch Intervention ernstnehmen. Ohne Entwicklung und Stärkung des Selbstgefühls, des Selbstwertgefühls, der emotionalen Regulationsfähigkeiten und der Fähigkeit die eigenen Grenzen zu schützen, bleibt es ein Wissen im Kopf und kann in kritischen Situationen nicht genutzt werden.

Dass Mobbing kein Problem des Verstehens ist klingt vielleicht etwas plakativ und es stimmt nicht ganz. Natürlich ist es wichtig, dass Kinder (und Erwachsene) verstehen, was ihre Taten und ihre Art für andere bedeuten. Aufklärungsarbeit ist wesentlich. Aber Mobbing ist in erster Linie ein emotionales Problem. Mobbing ist ein zwischenmenschliches und soziales Problem: mobben kann man nicht alleine. Und auf dieser Ebene muss sowohl Prävention als auch Intervention ansetzen.

Der Zusammenhang zwischen einer mangelhaften Entwicklung des Selbstwertgefühls und Mobbing (sowohl von Täter- als auch von Opferseite her) ist in meiner Erfahrung auffallend.

Aber in einem Schulsystem, das sich nicht für die Entwicklung der emotionalen Intelligenz zuständig fühlt, sondern Gefühle und das emotionale Wohlbefinden der SchülerInnen zum großen Teil als „Sache der Eltern“ oder als „Erziehungthema“ versteht, ist es auch nachvollziehbar, dass ein blinder Fleck genau an dieser Stelle entstehen kann. (Ich möchte betonen, dass das keineswegs alle LehrerInnen betrifft und dass ich sehr wohl viele LehrerInnen kenne, denen diese emotionale Ebene wichtig ist und die auch versuchen dies zu gestalten)

Aber unser System und die Lösungen, die wir daraus entwickeln, haben meiner Meinung nach hier wirklich einen blinden Fleck. Die OECD formuliert das Anliegen wie folgt: "Kinder brauchen ein ausgewogenes Set an kognitiven, sozialen und emotionalen Fähigkeiten, um ein positives, gutes Leben zu erreichen." (Standard.at am 23.3.2015) und sieht das auch als Aufgabe der Schule. Wenn ich mir das Interview (ebenda), das in diesem Zusammenhang mit dem Lehrergewerkschafter der Pflichtschullehrer (diese betreuen in Österreich Kinder zwischen 6 und 15 Jahren!) geführt wurde anschaue, dann lese ich heraus, dass aus seiner Sicht die Lehrer für das Kognitive und die Eltern (und wenn die „auslassen“) dann Schulpsychologen und Sozialarbeiter für die sozialen und emotionalen Fähigkeiten zuständig sind.

Das wäre ja schön und praktisch, vor allem für die Wissenschaft und für berufliche Zuständigkeitsbereiche, wenn wir uns als Menschen so in unterschiedliche Teile teilen könnten. Aber weder wir noch unsere Kinder können unsere emotionale Entwicklung von unserer kognitiven Entwicklung trennen, und beides wird sehr maßgeblich von dem sozialen Umfeld beeinflusst, mit dem wir gerade zu tun haben. Das heißt, dass auch LehrerInnen einen großen sozialen und emotionalen Einfluss auf ihre Schüler als Einzelne, aber auch als Schulklasse haben, und das ganz unabhängig davon ob sie sich dafür Zuständig fühlen oder nicht. Das heißt aber auch, dass ich nicht nur rational handeln kann, wenn ich emotional verletzt worden bin. Und das erklärt auch warum Mobbing so machtvoll ist. Es nutzt genau diese Tatsache, dass wir durch soziale Ausgrenzung oder Druck in eine existentiell bedrohliche Situation kommen, wir emotional sehr betroffen und verletzt werden und unser Gehirn nicht mehr auf der Sachebene gut funktioniert.

Das große Ausmaß an Kindern in Österreich mit geringem Selbstgefühl und gleichzeitig viel Erfahrung im Umgang mit Aggression, Beschämung, und psychischem Druck als "legitimes" Mittel etwas durchzusetzen erschüttert mich zutiefst und ich bekomme immer wieder sehr hautnah in meiner Praxis mit, was das heißen kann.
Sowohl in der Arbeit mit Eltern als auch in der Arbeit mit pädagogischen Fachleuten erlebe ich eine Selbstverständlichkeit psychischem Druck und verbaler Gewaltanwendungen gegenüber, die mich immer wieder frappiert. „Ja, aber wenn ich sonst nicht weiterkomme, dann muss ich doch …“ Die Sätze die da kommen sind immer übergriffig und häufig ganz subtil demütigend. Da hängt man dann im Gespräch mit dem Kind gerne noch den Satz dran, „komm hab dich nicht so“ oder „ich mein es ja nur gut“ oder „wirst ja wohl nicht gleich eingeschnappt sein“. DAS ist MOBBING in Reinkultur, wenn es mit Druck und Macht gekoppelt ist. Und unsere Kinder sind da gut trainiert.

Im österreichischen Gewaltpräventionsprojekt wird das Ziel formuliert „die Schule für alle Kinder und Jugendlichen so zu gestalten, dass sie sich sicher fühlen und ein Klima der Toleranz und Wertschätzung vorherrscht“. Das ist sowohl aus lernpsychologischer als auch entwicklungspsychologischer Sicht ein sehr wesentliches Ziel, aber in der Umsetzung fehlt mir das Bewusstsein für die Bedeutung der Emotionsregulierung.

Dass Kinder (und Erwachsene) psychische Gewalt als solche benennen und erkennen, ist sehr wichtig und wesentlich, aber ohne die Entwicklung und Stärkung des Selbstgefühls, des Selbstwertgefühls, der emotionalen Regulationsfähigkeiten und der Fähigkeit die eigenen Grenzen zu schützen, bleibt dies ein Wissen im Kopf und kann in kritischen Situationen nicht genutzt werden.

Wesentlich ist daher aus meiner Sicht eine Kombination des aktuellen Wissens aus Psychologie, Neurobiologie, der Systemtheorie und dem fachlichen Wissen über Beziehungsgestaltung mit der Stärkung der grundlegenden menschlichen Kompetenzen, die unser Selbstgefühl stärken und dann in weiterer Folge unser Selbstwertgefühl. Wir brauchen die Fähigkeit, mit uns selbst in Kontakt zu sein, unsere eigenen Bedürfnisse und Grenzen zu spüren und effektiv zu schützen, um weder Täter noch Opfer zu werden.