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„Was wirklich, wirklich wichtig ist für Kinder sind Erwachsene, die jeden Morgen aufstehen und sagen: ‚Es wird spannend heute, welches Geschenk bekomme ich heute von meinem Kind, was kann ich heute über mich lernen?‘“

Jesper Juul

Rosen

Mich fasziniert menschliche Entwicklung durch Beziehung zum eigenen Selbst, durch Begleitung und durch Beziehung. Ich sehe darin sehr viel versteckte und manchmal auch brachliegende Schönheit.

Als ich diese Rosen vor einigen Tagen abschnitt und neu arrangierte, weil sie begannen ihre Köpfe hängen zu lassen, fiel mir ein Gespräch vor einigen Jahren mit einer meiner ältesten Supervisandinnen ein. Eine fast 80-jährige Frau, die monatlich in der Supervision fasziniert von den Begegnungen mit kranken Menschen im Rahmen ihres ehrenamtlichen Engagements erzählen konnte, die aber auch nie müde wurde sich selbst zu hinterfragen. Eine Frau, der die Qualität und Professionalität ihrer Begegnungen sehr am Herzen lag und die immer wieder Neues interessiert aufnahm und für sich integrierte. Eine Frau, die aber auch bei kleinen Gelegenheiten oder in der Pause über ihren Mann, mit dem sie schon über 50 Jahre verheiratet war, schwärmen konnte wie frisch verliebt und deren großes Glück es einmal war, dass sie ihre beiden Hüftoperationen so legen konnten, dass sie im Krankenhaus ein Zimmer teilen konnten.

Das Gespräch, das mir einfiel, war so ein Pausengespräch über Rosen im Raum. Sie erzählte mir sie sehe Rosen immer als Symbol für unser Leben und unsere Entwicklung. „Sie sind in allen Lebensphasen wunderschön. Als dichte, feste kleine Knospen; in der langsamen Öffnung, wo jedes Blatt sich entfaltet; aber auch in der Endphase mit den sich kräuselnden Rändern und den langsamen Verfärbungen, strahlen sie immer noch Würde und Schönheit aus und erfreuen unser Herz.“ Wir unterhielten uns auch über die Entwicklungen unserer Zeit und ihre Besorgnis darüber, dass sie junge Menschen erlebt, die meinen ihre Blüten aufreißen zu müssen und schon  woanders zu sein als sie sind, um zu gefallen und über die Sehnsucht, das Leben am vermeintlichen Höhepunkt festhalten zu wollen.

Das kleine Gespräch mit dieser weisen alten Frau begleitet mich nunmehr seit vielen Jahren. Und inspiriert mich heute wieder, als ich nach einer kurzen intensiven Krankheitsphase gerade versuche meine Prioritäten und die liegen gebliebenen Todos klar zu bekommen. Ich versuche mich in meinem eigenen Leben zu orientieren. Wo (er-)lebe ich diese Schönheit? Zeige ich meine Verfärbungen, meine krausen Kanten, meine Macken? Ja, das tue ich schon immer wieder und immer öfter, aber mit welchen Einstellungen dazu? Mit welchen Gefühlen? Ich kämpfe nach wie vor immer wieder mit Selbsterniedrigung, damit mich negativ zu bewerten, wenn ich etwas mache, das ich nicht für „gut genug“ halte. Der Angst etwas „wirklich“ falsch zu machen, jemanden zu verletzen, eine Grenze unabsichtlich zu überschreiten. Da kann ich mir selbst gegenüber auch sehr „unschön“ werden.

Diese Gedanken und Gefühle führen dann dazu, dass ich mich innerlich zurückziehe, mich kleiner mache als ich bin. Letztlich, dass ich mich nicht in meiner Schönheit und Verletzlichkeit zeige. In anderen suche ich und sehe schnell Potential. Ich verbringe ganze Tage damit, die Möglichkeiten im Miteinander sichtbar zu machen. Ich nehme Schönheit der Einzelnen und der Beziehung wahr, wo sie von den Beteiligten noch mit Füßen getreten wird. Ja, ich kann so viel Liebe und Anerkennung in meine Arbeit legen, so wenig Bewertung. Aber mir selbst gegenüber ist es oft ein steiniger Weg, und da brauche ich auch Menschen im Außen, die mir in dieser Offenheit begegnen, genauso wie es meine Klienten/innen und Patienten/innen brauchen.

Diese Gedanken und dieses Spannungsfeld begleiten mich heute auf meinem Weg in meinen Tag. Aber im Nachdenken und mich Einlassen auf meine Verletzlichkeit und meine Angst entdecke ich auch heute wieder die heilende Kraft der Selbsterkenntnis, wenn sie mit „Selbstgnade“ gepaart ist. Seltsam, dass es dieses Wort nicht gibt. Können wir uns selbst gegenüber gnädig sein? Was braucht es um uns selbst gegenüber die Güte und Wärme aufzubringen die wir und auch alle anderen brauchen um uns zu entwickeln? Um unser Potential zu schöpfen?

In der Arbeit mache ich die Erfahrung, dass es viele kleine, feine, achtsame Momente des echten Kontaktes braucht, damit mein Gegenüber meine Sicht auf seine/ihre Schönheit manchmal nur in kleinen Schritten wahrnehmen kann. Dass es auch viele kleine Schritte braucht, um im alltäglichen Tun statt der Selbstgeißelung und Selbsterniedrigung, Selbstliebe, Selbstgüte und Gnade zu leben.

Manche wird es vielleicht überraschen, dass ich in diesem Zusammenhang solch spirituell behaftete Begriffe verwende, aber ich finde im Deutschen keine passenderen und ich finde sie passen gut. Wenn wir diese Worte als das nehmen, was sie bedeuten: Gnade kommt vom althochdeutschen Wort ginade, das auch Hilfe und Schutz bedeutet. Das heißt wohlwollende, freiwillige Zuwendung. Das lateinische Wort dafür gratia hat auch eine Nähe zu Freundlichkeit und Dankbarkeit. Güte kommt von gut und wurde früher meist auch als Herzensgüte bezeichnet.

Ich erlebe oft Personen, denen in Therapiesitzungen oder Beratungen, die eigene Anteile am Problem sehr deutlich werden, die neue Wege gehen wollten, aber Gefahr laufen in Selbstanschuldigung (und auch Schuldzuweisungen) stecken zu bleiben und in einer Sitzung suchte ich nach einem passenden Wort für das oben Beschriebene. Mir fiel nur das englische Kindness ein.

Und da stellt sich die Frage: Wie gehen wir mit Selbsterkenntnis und der eigenen Erfahrung der Unzulänglichkeit um? Menschen in solchen Prozessen zu begleiten, erfordert von mir einen großen und flexiblen inneren Raum, der diese Unzulänglichkeit, Verletzlichkeit und menschliche Fehlerhaftigkeit mittragen und aushalten kann. Es braucht sowohl Anerkennung und die Klarheit der Realität als auch Wärme und Zuwendung, bis die innere Zuversicht und etwas Neues keimen können. Das heißt nicht unbedingt (aber manchmal auch) über einen langen Zeitraum.

In einer solchen Haltung kann aber auch ich meine Blätter entfalten, kann ich mit meinen Eigenheiten sein und das Schöne in mir selbst entdecken. Kann ich mein Potential weiter entfalten und mich entwickeln.

 

Und damit diese nicht, wie so oft in Sprachlosigkeit enden, möchte ich Euhc heute dran teilhaben lassen. Wie viele andere auch, haben mich die Ereignisse der letzten Tage sehr betroffen gemacht. Paris ist eine Stadt, zu der ich sehr persönlichen Bezug habe. Auch zu anderen Zeiten haben mich die Ereignisse in den Pariser Banlieus berührt, weil ich die Sprache, die Menschen, und auch die Orte teilweise kenne. Und ja es rührt in mir, so tragisch das ist, eine emotionale Seite an, die ich nicht spüre, wenn ich von 2000 Toten in Nigeria lese. Da fühle ich mich emotional überfordert und hilflos und mache zu.

Aber in den letzten Tagen stellen sich mir Fragen.

Viele Fragen auf die ich keine Antwort und zu denen ich nur zum Teil eine Meinung habe. Ich will dieses Fragen heute in den Raum stellen, mit Euch teilen. Zum einen, weil ich nicht in die Sprachlosigkeit abrutschen will, die ich von mir kenne, wenn ich nicht weiß, was ich tun oder wie ich etwas emotional aushalten kann. Und zum anderen, weil ich das Gespräch, den Austausch und auch unsere Entwicklung als Menschen anregen will. Weil ich auch in meinem Verständnis von sozialer Verantwortung dafür verantwortlich bin mich als Teil dieser Gesellschaft, als Teil des Ganzen einzubringen. Gleichzeitig spüre auch ich jetzt nach einer Woche eine Ermüdung und eine Überforderung mit dem Thema.
Ich wage jetzt trotzdem meine Fragen und Gedanken in den gemeinsamen Denkraum zu stellen:

Was braucht unsere Gesellschaft?
Wie können Menschen wirklich gut zusammenleben, wenn ihre Bedürfnisse so unterschiedlich sind?
Wie kann die Spirale der strukturellen Beschämung unterbrochen werden?
Wie würde Konfrontation und Auseinandersetzung auf Augenhöhe aussehen?
Wie schützt sich der Einzelne? Wie schützt sich eine Gruppe?
Aber auch was ist mein Verhältnis zu Humor und Satire?
Was ist Demokratie?
Warum mache ich was ich mache?
Und was ist wirklich Meinungsfreiheit?
Wo nehme ich mir die Freiheit meine Meinung zu sagen? und wie oft nehme ich mir die Freiheit meine Meinung nicht zu sagen?
Wo bin ich offen und doch geschlossen?

Viele dieser Fragen stellen sich auf gesellschaftlicher Ebene, sind Themen von politischer und kultureller Relevanz.
Da kommt mir manchmal der Gedanke, dass ich mich eigentlich ganz woanders einbringen sollte. Auf einer anderen Ebene, gesellschaftlich oder politisch. Da würde es sich vielleicht nach größeren Schritten anfühlen. So sind es oft so kleine Schritte. Und ich fühle mich in Momenten, wie diesen von der Herausforderung überfordert.
Aber ich bin da, wo ich bin und mache das auch gerne, was ich mache. Ich arbeite in meiner Arbeit großteils auf der Mikroebene. Mit der Beziehung zwischen Männern und Frauen, mit den Beziehungen von Eltern und Kindern, mit den Beziehungen von Fachleuten mit Klienten und Patienten. Auf der Ebene von einem Menschen zum anderen. Ich stehe für eine Kultur der Wertschätzung ein, die sich nicht auf Allgemeinplätze bezieht, sondern auf innere Werte des Einzelnen. Auf das Einzigartige und das Individuelle meines Gegenübers, auf die Beziehung und die Werte, die zwischen uns entstehen. Nach der intensiven Arbeit diesen Herbst mit dem Thema Scham und Menschenwürde, wird mir auch noch anders bewusst, auf wie vielen Ebenen Beschämung jetzt allein in diesen Tagen passiert, wo vermeintlich alle zusammenstehen. Es macht viel Sinn, dass es für uns viel sicherer ist, uns mit einem Plakat oder Posting "je suis Charlie" zu zeigen, als uns mit den Fragen und der Betroffenheit zu zeigen, die auf persönlicher Ebene da sind.

Es stellt sich die Frage, was ist Meinungsfreiheit? Ja ich habe Meinungen, die sind meine persönliche Mischung aus meinen Erfahrungen, meinem Wissen, dem was mich emotional berührt und betroffen macht und meiner Geschichte. Und ja ich bin für Meinungsfreiheit, ja ich bin sehr dankbar in einer Demokratie zu leben. Aber wie oft halte ich meine Meinung zurück? Wo nehme ich mir überhaupt die Freiheit mit meiner Meinung sichtbar zu werden. Wo zeige ich mich?
Für mich ist es oft leichter in Fachkreisen als Psychologin oder Familientherapeutin Wissen und Erfahrung einzubringen, als mich wirklich zu zeigen. Ich habe Angst vor Verletzungen, die mich tief treffen. Ich weiß sehr gut, wie verwundbar und verletzlich ich bin. Aber ich weiß auch wie leer ich mich nach Diskussionen und Gesprächen fühle, in denen Meinungen und Überzeugungen "ohne den Menschen dahinter" ausgetauscht werden.

Die größte Gefahr für das Fortbestehen und Entwickeln von Meinungsfreiheit ist meiner Erfahrung nach unsere Kultur der Bewertung! Ist aus meiner Sicht unsere Dialogunfähigkeit, unsere Angst uns persönlich und verletzlich zu zeigen, und daher nie wirklich in Kontakt gehen, wenn nicht alles harmonisch ist.

Ein Grund warum ich diese Arbeit mache, ist weil mir Menschen in all ihrer Unterschiedlichkeit und in all ihrer Würde sehr am Herzen liegen. Weil ich den großen Wert von persönlichen Kontakt und wirklicher Begegnung schätze. Ich weiß von mir selber, wie in meinem Alltag letztlich die Mikroebene für mich die wesentlichste ist, wenn es um mich und meine Entwicklung geht, wenn es um mein Wohlbefinden geht. Und weil ich schon unglaublich viel in meinem Leben in Konflikten gelernt habe und ich konstruktive Konflikte und ein tiefes Ringen um das, was wesentlich ist, sehr schätze.

Aber auch Humor entsteht zwischen mir und anderen. Ein Grund immer wieder mal auf Facebook reinzuschauen, ist für mich der Wortwitz und die Sprachgewandtheit einiger Menschen, die hier lokal etwas bewegen. Wenn Dinge gut und humorvoll, manchmal auch mit der notwendigen Schärfe angesprochen werden, bin ich oft sehr dankbar, dass es von Menschen angesprochen wurde, die sich zeigen, die wahrgenommen werden.
Im Arbeiten mit Familien und Paaren erlebe ich aber auch oft, wie Sarkasmus Hierarchien aufrechterhält. Wie Ironie verwendet wird, um Macht über andere zu haben, um sich abzugrenzen, und vieles mehr. Ich erlebe viel Zerstörung und Verletzung durch vermeintlichen Humor. Ich erlebe aber auch viel Betroffenheit und Heilung, wenn im Persönlichen die Verletzung sichtbar wird.

In der Vorbereitung für diesen Newsletter ist mir der Artikel "die Botoxkultur schadet unseren Kindern" untergekommen, den mir Jesper Juul kurz vor Weihnachten schickte. Er beschreibt, dass wir unseren inneren Kompass brauchen. Die Notwendigkeit uns wirklich zu kennen, uns selbst wertzuschätzen und unsere Feinwahrnehmung zu schulen, und von der realen Gefahr, die von diesem am außen orientierten Umgang mit uns selbst ausgeht.

Für mich bleibt bei all diesen Fragen, aber immer wieder das Spüren der Erde unter meinen Füßen, der Atem, der mich ständig belebt und der Blick, wenn ich gesehen werde oder jemanden wirklich sehe. Meine Wahrnehmung von dem was im Moment ist und meine schöpferische Kraft etwas neu und anders anzugehen.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein Jahr des gemeinsamen Ringens um das Wesentliche im Zwischenmenschlichen und ein Jahr des "zu mir" und "zum anderen" Kommens. Danke fürs Anteilnehmen und Anregen lassen.

Family Counseling ein Arbeiten im Hier und Jetzt mit dem eigenen Erleben

Eine glückliche FamilieIn meine Praxis kommen Familien und Paare: Familien und Paare, die sich mit Schwierigkeiten und Herausforderungen konfrontiert sehen. Das Kind will nicht in den Kindergarten; die 14-jährige ist im Kaufhaus beim Klauen erwischt worden; das Kindergartenkind ist sehr aggressiv – im Klartext fürchtet die Mutter um das Leben der Katze; der Ex-mann lässt jemand anderen auf die Kinder aufpassen – die Mutter kann ihm die Kinder nicht mehr mit gutem Gefühl überlassen; nach einer Trennung kommt eine Frau nicht auf ihre Beine; ein Mann ist verzweifelt, weil er das verlorene Vertrauen seiner Frau nicht wiedererlangen kann, obwohl er mit allem kämpft was er aufzubieten hat; usw..

Männer und Frauen, Eltern, die schon viel ausprobiert haben und spüren, dass sie trotz vieler guter Ratschläge, vieler gelesener Bücher nicht weiterkommen. Wenn von diesen Themen erzähle, antworten Fachleute und auch Laien oft mit einem schnellen: „ah das kenn ich auch“ oder „ja, aber das ist doch eh klar ...“, „da braucht es ...“ – wenn es um Kinder, Familie und Beziehung geht, empfinden wir uns alle auf Grund unserer Erfahrung als Experten. Wir sehen von außen ein Thema und haben den Eindruck, dass das helfen könnte. Meine Erfahrung ist aber, dass meine Erfahrung und mein Fachwissen alleine selten weiter helfen, wenn es um persönliche Themen anderer geht.

Das Kind, das nicht in den Kindergarten geht ist ein Beispiel. Es ist schnell gesagt: „naja es sind ja meist die Mütter, die nicht loslassen können.“ Mit diesem Gedanken kommen die Frauen häufig selber zu mir. Aber was steht hinter diesem nicht loslassen können. Es reicht nicht, das Wissen, dass ich mein Kind gehen lassen muss. Welche Ängste, Unsicherheiten, Erfahrungen hinter dem Einzelfall stehen, sind meiner Erfahrung nach so unterschiedlich wie unser Fingerabdruck. Ich weiß nicht, was diese Frau, dieses Kind und diese Familie braucht, damit das Kind gut in den Kindergarten gehen kann.

Jeder ist eine Welt für sich

Ich erlebe, dass jede einzelne Person zunächst eine neue fremde Welt ist; jedes Paar, jede Familie ein eigener mir zunächst fremder Kosmos. Wie kann ich als Außenstehende für diese Menschen in ihrer Welt, in der einer oder alle leiden, wenn sie zu mir kommen, hilfreich sein? Wie kann ich sie unterstützen?

Ich bin multikulturell aufgewachsen und bereise auch sehr gerne neue Länder und lerne neue Kulturen kennen. Das kommt mir bei meiner Arbeit zugute und ist auch ein Grund, warum ich so gerne mit Familien arbeite. Ich lerne gerne fremde Welten kennen. Wenn ich mich mit Achtsamkeit und offener Neugier auf den Weg mache, entdecke ich Wesentliches, spüre ich den Rhythmus, der diese Welt am Leben erhält. Aber auchschützenswerte Kleinode, die das Leben lebenswert machen. Ich spüre die treibende Kraft der Liebe, die sich auch in verletzendem und abgrenzendem Verhalten zeigt.

Das spannende an diesen „Reisen“ ist, dass ich nicht alleine meine Entdeckungen mache – gar nicht machen kann. Ich mache mich gemeinsam mit dieser Familie, mit den „Einheimischen“, auf den Weg. Ich bereise und entdecke mit ihnen gemeinsam die fremden Welten der Einzelnen in ihrer Welt. Da erlebe und erfahre ich ihre gemeinsame Kultur – das, was sie im Hier und Jetzt zum Pulsieren bringt.

Veränderung und Heilung finden nur dort statt, wo wir emotional betroffen sind, wo wir das, was wir verstehen mit dem, was wir fühlen und von dem wir überzeugt sind, in Einklang bringen. Mein Kopf kann nicht gegen meine Gefühle kämpfen. Es ist ein gemeinsamer Weg, der die Empfindsamkeiten und die Betroffenheit der Einzelnen sehr ernst nimmt. Ich mache Dynamiken nicht sichtbar, sondern arbeite direkt mit den Beziehungen, mit diesem Rhythmus und Puls.

Ich muss als Außenstehende erstaunlich wenig über das „System“ wissen. Wenn ich mit meinem Wissen über Familien oder mit der Einstellung hineingehe „ah das kenne ich schon – das ist eh klar“ – sehe ich das, was ich schon kenne, sehe ich mir vertraute Muster. Erst wenn ich mich in das Unbekannte und mir nicht vertraute hinauswage, entdecke ich, was diese Familie, diese fremde Welt in ihrer Essenz ausmacht und wo ihre Schmerzen wirklich liegen. Durch dieses gemeinsame Ent-decken finden sie dann häufig auch selber was es für ihre Situation jetzt braucht und wo erste Schritte machbar sind. Das was ich brauche ist, die Fähigkeit im Hier und Jetzt mit meinen eigenen Empfindungen und Gedanken und den Empfindungen der Menschen, mit denen ich arbeite, in Kontakt zu sein. Und auch da bin ich immer dabei neues zu entdecken, mich selber besser kennen zu lernen.

Das Spannendste an diesem Arbeiten sind die sehr unerwarteten Wendungen. Oft meine ich, dass ich eine Idee habe, um was es geht und was das dahinterliegende Thema ist. Manchmal kommen mir viele fachliche Gedanken. Diese Gedanken erkenne ich an, nehme sie aber nicht in als Richtungsweiser. Wenn ich für den Einzelnen offen bleibe und den persönlichen Reaktionen Raum und Halt gebe, ist es dann häufig wie wenn man hinter der Kurve etwas ganz Neues und meist wesentlich Bedeutsameres entdeckt oder wie wenn ich am Pass oben in ein neues Tal schaue und grün sehe, wo ich Steine erwartete.

 

Die Erstfassung dieses Artikels wurde für das OnlineMagazin der Netzwerkplattform Business-Mamas.at verfasst und ist in der Februarausgabe 2014 erschienen.