Gehe zum Haupt-Inhalt

Banner - Robin Menges bloggt

„Was wirklich, wirklich wichtig ist für Kinder sind Erwachsene, die jeden Morgen aufstehen und sagen: ‚Es wird spannend heute, welches Geschenk bekomme ich heute von meinem Kind, was kann ich heute über mich lernen?‘“

Jesper Juul

Mobbing ist ein emotionales Problem: ein zwischenmenschliches und soziales Problem. Mobben kann man nicht alleine und das muss sowohl Prävention als auch Intervention ernstnehmen. Ohne Entwicklung und Stärkung des Selbstgefühls, des Selbstwertgefühls, der emotionalen Regulationsfähigkeiten und der Fähigkeit die eigenen Grenzen zu schützen, bleibt es ein Wissen im Kopf und kann in kritischen Situationen nicht genutzt werden.

Dass Mobbing kein Problem des Verstehens ist klingt vielleicht etwas plakativ und es stimmt nicht ganz. Natürlich ist es wichtig, dass Kinder (und Erwachsene) verstehen, was ihre Taten und ihre Art für andere bedeuten. Aufklärungsarbeit ist wesentlich. Aber Mobbing ist in erster Linie ein emotionales Problem. Mobbing ist ein zwischenmenschliches und soziales Problem: mobben kann man nicht alleine. Und auf dieser Ebene muss sowohl Prävention als auch Intervention ansetzen.

Der Zusammenhang zwischen einer mangelhaften Entwicklung des Selbstwertgefühls und Mobbing (sowohl von Täter- als auch von Opferseite her) ist in meiner Erfahrung auffallend.

Aber in einem Schulsystem, das sich nicht für die Entwicklung der emotionalen Intelligenz zuständig fühlt, sondern Gefühle und das emotionale Wohlbefinden der SchülerInnen zum großen Teil als „Sache der Eltern“ oder als „Erziehungthema“ versteht, ist es auch nachvollziehbar, dass ein blinder Fleck genau an dieser Stelle entstehen kann. (Ich möchte betonen, dass das keineswegs alle LehrerInnen betrifft und dass ich sehr wohl viele LehrerInnen kenne, denen diese emotionale Ebene wichtig ist und die auch versuchen dies zu gestalten)

Aber unser System und die Lösungen, die wir daraus entwickeln, haben meiner Meinung nach hier wirklich einen blinden Fleck. Die OECD formuliert das Anliegen wie folgt: "Kinder brauchen ein ausgewogenes Set an kognitiven, sozialen und emotionalen Fähigkeiten, um ein positives, gutes Leben zu erreichen." (Standard.at am 23.3.2015) und sieht das auch als Aufgabe der Schule. Wenn ich mir das Interview (ebenda), das in diesem Zusammenhang mit dem Lehrergewerkschafter der Pflichtschullehrer (diese betreuen in Österreich Kinder zwischen 6 und 15 Jahren!) geführt wurde anschaue, dann lese ich heraus, dass aus seiner Sicht die Lehrer für das Kognitive und die Eltern (und wenn die „auslassen“) dann Schulpsychologen und Sozialarbeiter für die sozialen und emotionalen Fähigkeiten zuständig sind.

Das wäre ja schön und praktisch, vor allem für die Wissenschaft und für berufliche Zuständigkeitsbereiche, wenn wir uns als Menschen so in unterschiedliche Teile teilen könnten. Aber weder wir noch unsere Kinder können unsere emotionale Entwicklung von unserer kognitiven Entwicklung trennen, und beides wird sehr maßgeblich von dem sozialen Umfeld beeinflusst, mit dem wir gerade zu tun haben. Das heißt, dass auch LehrerInnen einen großen sozialen und emotionalen Einfluss auf ihre Schüler als Einzelne, aber auch als Schulklasse haben, und das ganz unabhängig davon ob sie sich dafür Zuständig fühlen oder nicht. Das heißt aber auch, dass ich nicht nur rational handeln kann, wenn ich emotional verletzt worden bin. Und das erklärt auch warum Mobbing so machtvoll ist. Es nutzt genau diese Tatsache, dass wir durch soziale Ausgrenzung oder Druck in eine existentiell bedrohliche Situation kommen, wir emotional sehr betroffen und verletzt werden und unser Gehirn nicht mehr auf der Sachebene gut funktioniert.

Das große Ausmaß an Kindern in Österreich mit geringem Selbstgefühl und gleichzeitig viel Erfahrung im Umgang mit Aggression, Beschämung, und psychischem Druck als "legitimes" Mittel etwas durchzusetzen erschüttert mich zutiefst und ich bekomme immer wieder sehr hautnah in meiner Praxis mit, was das heißen kann.
Sowohl in der Arbeit mit Eltern als auch in der Arbeit mit pädagogischen Fachleuten erlebe ich eine Selbstverständlichkeit psychischem Druck und verbaler Gewaltanwendungen gegenüber, die mich immer wieder frappiert. „Ja, aber wenn ich sonst nicht weiterkomme, dann muss ich doch …“ Die Sätze die da kommen sind immer übergriffig und häufig ganz subtil demütigend. Da hängt man dann im Gespräch mit dem Kind gerne noch den Satz dran, „komm hab dich nicht so“ oder „ich mein es ja nur gut“ oder „wirst ja wohl nicht gleich eingeschnappt sein“. DAS ist MOBBING in Reinkultur, wenn es mit Druck und Macht gekoppelt ist. Und unsere Kinder sind da gut trainiert.

Im österreichischen Gewaltpräventionsprojekt wird das Ziel formuliert „die Schule für alle Kinder und Jugendlichen so zu gestalten, dass sie sich sicher fühlen und ein Klima der Toleranz und Wertschätzung vorherrscht“. Das ist sowohl aus lernpsychologischer als auch entwicklungspsychologischer Sicht ein sehr wesentliches Ziel, aber in der Umsetzung fehlt mir das Bewusstsein für die Bedeutung der Emotionsregulierung.

Dass Kinder (und Erwachsene) psychische Gewalt als solche benennen und erkennen, ist sehr wichtig und wesentlich, aber ohne die Entwicklung und Stärkung des Selbstgefühls, des Selbstwertgefühls, der emotionalen Regulationsfähigkeiten und der Fähigkeit die eigenen Grenzen zu schützen, bleibt dies ein Wissen im Kopf und kann in kritischen Situationen nicht genutzt werden.

Wesentlich ist daher aus meiner Sicht eine Kombination des aktuellen Wissens aus Psychologie, Neurobiologie, der Systemtheorie und dem fachlichen Wissen über Beziehungsgestaltung mit der Stärkung der grundlegenden menschlichen Kompetenzen, die unser Selbstgefühl stärken und dann in weiterer Folge unser Selbstwertgefühl. Wir brauchen die Fähigkeit, mit uns selbst in Kontakt zu sein, unsere eigenen Bedürfnisse und Grenzen zu spüren und effektiv zu schützen, um weder Täter noch Opfer zu werden.

Rosen

Mich fasziniert menschliche Entwicklung durch Beziehung zum eigenen Selbst, durch Begleitung und durch Beziehung. Ich sehe darin sehr viel versteckte und manchmal auch brachliegende Schönheit.

Als ich diese Rosen vor einigen Tagen abschnitt und neu arrangierte, weil sie begannen ihre Köpfe hängen zu lassen, fiel mir ein Gespräch vor einigen Jahren mit einer meiner ältesten Supervisandinnen ein. Eine fast 80-jährige Frau, die monatlich in der Supervision fasziniert von den Begegnungen mit kranken Menschen im Rahmen ihres ehrenamtlichen Engagements erzählen konnte, die aber auch nie müde wurde sich selbst zu hinterfragen. Eine Frau, der die Qualität und Professionalität ihrer Begegnungen sehr am Herzen lag und die immer wieder Neues interessiert aufnahm und für sich integrierte. Eine Frau, die aber auch bei kleinen Gelegenheiten oder in der Pause über ihren Mann, mit dem sie schon über 50 Jahre verheiratet war, schwärmen konnte wie frisch verliebt und deren großes Glück es einmal war, dass sie ihre beiden Hüftoperationen so legen konnten, dass sie im Krankenhaus ein Zimmer teilen konnten.

Das Gespräch, das mir einfiel, war so ein Pausengespräch über Rosen im Raum. Sie erzählte mir sie sehe Rosen immer als Symbol für unser Leben und unsere Entwicklung. „Sie sind in allen Lebensphasen wunderschön. Als dichte, feste kleine Knospen; in der langsamen Öffnung, wo jedes Blatt sich entfaltet; aber auch in der Endphase mit den sich kräuselnden Rändern und den langsamen Verfärbungen, strahlen sie immer noch Würde und Schönheit aus und erfreuen unser Herz.“ Wir unterhielten uns auch über die Entwicklungen unserer Zeit und ihre Besorgnis darüber, dass sie junge Menschen erlebt, die meinen ihre Blüten aufreißen zu müssen und schon  woanders zu sein als sie sind, um zu gefallen und über die Sehnsucht, das Leben am vermeintlichen Höhepunkt festhalten zu wollen.

Das kleine Gespräch mit dieser weisen alten Frau begleitet mich nunmehr seit vielen Jahren. Und inspiriert mich heute wieder, als ich nach einer kurzen intensiven Krankheitsphase gerade versuche meine Prioritäten und die liegen gebliebenen Todos klar zu bekommen. Ich versuche mich in meinem eigenen Leben zu orientieren. Wo (er-)lebe ich diese Schönheit? Zeige ich meine Verfärbungen, meine krausen Kanten, meine Macken? Ja, das tue ich schon immer wieder und immer öfter, aber mit welchen Einstellungen dazu? Mit welchen Gefühlen? Ich kämpfe nach wie vor immer wieder mit Selbsterniedrigung, damit mich negativ zu bewerten, wenn ich etwas mache, das ich nicht für „gut genug“ halte. Der Angst etwas „wirklich“ falsch zu machen, jemanden zu verletzen, eine Grenze unabsichtlich zu überschreiten. Da kann ich mir selbst gegenüber auch sehr „unschön“ werden.

Diese Gedanken und Gefühle führen dann dazu, dass ich mich innerlich zurückziehe, mich kleiner mache als ich bin. Letztlich, dass ich mich nicht in meiner Schönheit und Verletzlichkeit zeige. In anderen suche ich und sehe schnell Potential. Ich verbringe ganze Tage damit, die Möglichkeiten im Miteinander sichtbar zu machen. Ich nehme Schönheit der Einzelnen und der Beziehung wahr, wo sie von den Beteiligten noch mit Füßen getreten wird. Ja, ich kann so viel Liebe und Anerkennung in meine Arbeit legen, so wenig Bewertung. Aber mir selbst gegenüber ist es oft ein steiniger Weg, und da brauche ich auch Menschen im Außen, die mir in dieser Offenheit begegnen, genauso wie es meine Klienten/innen und Patienten/innen brauchen.

Diese Gedanken und dieses Spannungsfeld begleiten mich heute auf meinem Weg in meinen Tag. Aber im Nachdenken und mich Einlassen auf meine Verletzlichkeit und meine Angst entdecke ich auch heute wieder die heilende Kraft der Selbsterkenntnis, wenn sie mit „Selbstgnade“ gepaart ist. Seltsam, dass es dieses Wort nicht gibt. Können wir uns selbst gegenüber gnädig sein? Was braucht es um uns selbst gegenüber die Güte und Wärme aufzubringen die wir und auch alle anderen brauchen um uns zu entwickeln? Um unser Potential zu schöpfen?

In der Arbeit mache ich die Erfahrung, dass es viele kleine, feine, achtsame Momente des echten Kontaktes braucht, damit mein Gegenüber meine Sicht auf seine/ihre Schönheit manchmal nur in kleinen Schritten wahrnehmen kann. Dass es auch viele kleine Schritte braucht, um im alltäglichen Tun statt der Selbstgeißelung und Selbsterniedrigung, Selbstliebe, Selbstgüte und Gnade zu leben.

Manche wird es vielleicht überraschen, dass ich in diesem Zusammenhang solch spirituell behaftete Begriffe verwende, aber ich finde im Deutschen keine passenderen und ich finde sie passen gut. Wenn wir diese Worte als das nehmen, was sie bedeuten: Gnade kommt vom althochdeutschen Wort ginade, das auch Hilfe und Schutz bedeutet. Das heißt wohlwollende, freiwillige Zuwendung. Das lateinische Wort dafür gratia hat auch eine Nähe zu Freundlichkeit und Dankbarkeit. Güte kommt von gut und wurde früher meist auch als Herzensgüte bezeichnet.

Ich erlebe oft Personen, denen in Therapiesitzungen oder Beratungen, die eigene Anteile am Problem sehr deutlich werden, die neue Wege gehen wollten, aber Gefahr laufen in Selbstanschuldigung (und auch Schuldzuweisungen) stecken zu bleiben und in einer Sitzung suchte ich nach einem passenden Wort für das oben Beschriebene. Mir fiel nur das englische Kindness ein.

Und da stellt sich die Frage: Wie gehen wir mit Selbsterkenntnis und der eigenen Erfahrung der Unzulänglichkeit um? Menschen in solchen Prozessen zu begleiten, erfordert von mir einen großen und flexiblen inneren Raum, der diese Unzulänglichkeit, Verletzlichkeit und menschliche Fehlerhaftigkeit mittragen und aushalten kann. Es braucht sowohl Anerkennung und die Klarheit der Realität als auch Wärme und Zuwendung, bis die innere Zuversicht und etwas Neues keimen können. Das heißt nicht unbedingt (aber manchmal auch) über einen langen Zeitraum.

In einer solchen Haltung kann aber auch ich meine Blätter entfalten, kann ich mit meinen Eigenheiten sein und das Schöne in mir selbst entdecken. Kann ich mein Potential weiter entfalten und mich entwickeln.

 

Und damit diese nicht, wie so oft in Sprachlosigkeit enden, möchte ich Euhc heute dran teilhaben lassen. Wie viele andere auch, haben mich die Ereignisse der letzten Tage sehr betroffen gemacht. Paris ist eine Stadt, zu der ich sehr persönlichen Bezug habe. Auch zu anderen Zeiten haben mich die Ereignisse in den Pariser Banlieus berührt, weil ich die Sprache, die Menschen, und auch die Orte teilweise kenne. Und ja es rührt in mir, so tragisch das ist, eine emotionale Seite an, die ich nicht spüre, wenn ich von 2000 Toten in Nigeria lese. Da fühle ich mich emotional überfordert und hilflos und mache zu.

Aber in den letzten Tagen stellen sich mir Fragen.

Viele Fragen auf die ich keine Antwort und zu denen ich nur zum Teil eine Meinung habe. Ich will dieses Fragen heute in den Raum stellen, mit Euch teilen. Zum einen, weil ich nicht in die Sprachlosigkeit abrutschen will, die ich von mir kenne, wenn ich nicht weiß, was ich tun oder wie ich etwas emotional aushalten kann. Und zum anderen, weil ich das Gespräch, den Austausch und auch unsere Entwicklung als Menschen anregen will. Weil ich auch in meinem Verständnis von sozialer Verantwortung dafür verantwortlich bin mich als Teil dieser Gesellschaft, als Teil des Ganzen einzubringen. Gleichzeitig spüre auch ich jetzt nach einer Woche eine Ermüdung und eine Überforderung mit dem Thema.
Ich wage jetzt trotzdem meine Fragen und Gedanken in den gemeinsamen Denkraum zu stellen:

Was braucht unsere Gesellschaft?
Wie können Menschen wirklich gut zusammenleben, wenn ihre Bedürfnisse so unterschiedlich sind?
Wie kann die Spirale der strukturellen Beschämung unterbrochen werden?
Wie würde Konfrontation und Auseinandersetzung auf Augenhöhe aussehen?
Wie schützt sich der Einzelne? Wie schützt sich eine Gruppe?
Aber auch was ist mein Verhältnis zu Humor und Satire?
Was ist Demokratie?
Warum mache ich was ich mache?
Und was ist wirklich Meinungsfreiheit?
Wo nehme ich mir die Freiheit meine Meinung zu sagen? und wie oft nehme ich mir die Freiheit meine Meinung nicht zu sagen?
Wo bin ich offen und doch geschlossen?

Viele dieser Fragen stellen sich auf gesellschaftlicher Ebene, sind Themen von politischer und kultureller Relevanz.
Da kommt mir manchmal der Gedanke, dass ich mich eigentlich ganz woanders einbringen sollte. Auf einer anderen Ebene, gesellschaftlich oder politisch. Da würde es sich vielleicht nach größeren Schritten anfühlen. So sind es oft so kleine Schritte. Und ich fühle mich in Momenten, wie diesen von der Herausforderung überfordert.
Aber ich bin da, wo ich bin und mache das auch gerne, was ich mache. Ich arbeite in meiner Arbeit großteils auf der Mikroebene. Mit der Beziehung zwischen Männern und Frauen, mit den Beziehungen von Eltern und Kindern, mit den Beziehungen von Fachleuten mit Klienten und Patienten. Auf der Ebene von einem Menschen zum anderen. Ich stehe für eine Kultur der Wertschätzung ein, die sich nicht auf Allgemeinplätze bezieht, sondern auf innere Werte des Einzelnen. Auf das Einzigartige und das Individuelle meines Gegenübers, auf die Beziehung und die Werte, die zwischen uns entstehen. Nach der intensiven Arbeit diesen Herbst mit dem Thema Scham und Menschenwürde, wird mir auch noch anders bewusst, auf wie vielen Ebenen Beschämung jetzt allein in diesen Tagen passiert, wo vermeintlich alle zusammenstehen. Es macht viel Sinn, dass es für uns viel sicherer ist, uns mit einem Plakat oder Posting "je suis Charlie" zu zeigen, als uns mit den Fragen und der Betroffenheit zu zeigen, die auf persönlicher Ebene da sind.

Es stellt sich die Frage, was ist Meinungsfreiheit? Ja ich habe Meinungen, die sind meine persönliche Mischung aus meinen Erfahrungen, meinem Wissen, dem was mich emotional berührt und betroffen macht und meiner Geschichte. Und ja ich bin für Meinungsfreiheit, ja ich bin sehr dankbar in einer Demokratie zu leben. Aber wie oft halte ich meine Meinung zurück? Wo nehme ich mir überhaupt die Freiheit mit meiner Meinung sichtbar zu werden. Wo zeige ich mich?
Für mich ist es oft leichter in Fachkreisen als Psychologin oder Familientherapeutin Wissen und Erfahrung einzubringen, als mich wirklich zu zeigen. Ich habe Angst vor Verletzungen, die mich tief treffen. Ich weiß sehr gut, wie verwundbar und verletzlich ich bin. Aber ich weiß auch wie leer ich mich nach Diskussionen und Gesprächen fühle, in denen Meinungen und Überzeugungen "ohne den Menschen dahinter" ausgetauscht werden.

Die größte Gefahr für das Fortbestehen und Entwickeln von Meinungsfreiheit ist meiner Erfahrung nach unsere Kultur der Bewertung! Ist aus meiner Sicht unsere Dialogunfähigkeit, unsere Angst uns persönlich und verletzlich zu zeigen, und daher nie wirklich in Kontakt gehen, wenn nicht alles harmonisch ist.

Ein Grund warum ich diese Arbeit mache, ist weil mir Menschen in all ihrer Unterschiedlichkeit und in all ihrer Würde sehr am Herzen liegen. Weil ich den großen Wert von persönlichen Kontakt und wirklicher Begegnung schätze. Ich weiß von mir selber, wie in meinem Alltag letztlich die Mikroebene für mich die wesentlichste ist, wenn es um mich und meine Entwicklung geht, wenn es um mein Wohlbefinden geht. Und weil ich schon unglaublich viel in meinem Leben in Konflikten gelernt habe und ich konstruktive Konflikte und ein tiefes Ringen um das, was wesentlich ist, sehr schätze.

Aber auch Humor entsteht zwischen mir und anderen. Ein Grund immer wieder mal auf Facebook reinzuschauen, ist für mich der Wortwitz und die Sprachgewandtheit einiger Menschen, die hier lokal etwas bewegen. Wenn Dinge gut und humorvoll, manchmal auch mit der notwendigen Schärfe angesprochen werden, bin ich oft sehr dankbar, dass es von Menschen angesprochen wurde, die sich zeigen, die wahrgenommen werden.
Im Arbeiten mit Familien und Paaren erlebe ich aber auch oft, wie Sarkasmus Hierarchien aufrechterhält. Wie Ironie verwendet wird, um Macht über andere zu haben, um sich abzugrenzen, und vieles mehr. Ich erlebe viel Zerstörung und Verletzung durch vermeintlichen Humor. Ich erlebe aber auch viel Betroffenheit und Heilung, wenn im Persönlichen die Verletzung sichtbar wird.

In der Vorbereitung für diesen Newsletter ist mir der Artikel "die Botoxkultur schadet unseren Kindern" untergekommen, den mir Jesper Juul kurz vor Weihnachten schickte. Er beschreibt, dass wir unseren inneren Kompass brauchen. Die Notwendigkeit uns wirklich zu kennen, uns selbst wertzuschätzen und unsere Feinwahrnehmung zu schulen, und von der realen Gefahr, die von diesem am außen orientierten Umgang mit uns selbst ausgeht.

Für mich bleibt bei all diesen Fragen, aber immer wieder das Spüren der Erde unter meinen Füßen, der Atem, der mich ständig belebt und der Blick, wenn ich gesehen werde oder jemanden wirklich sehe. Meine Wahrnehmung von dem was im Moment ist und meine schöpferische Kraft etwas neu und anders anzugehen.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein Jahr des gemeinsamen Ringens um das Wesentliche im Zwischenmenschlichen und ein Jahr des "zu mir" und "zum anderen" Kommens. Danke fürs Anteilnehmen und Anregen lassen.