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„Was wirklich, wirklich wichtig ist für Kinder sind Erwachsene, die jeden Morgen aufstehen und sagen: ‚Es wird spannend heute, welches Geschenk bekomme ich heute von meinem Kind, was kann ich heute über mich lernen?‘“

Jesper Juul

Ein Kommentar von Robin Menges, veröffentlicht auf derStandard.at am 27.8.2015

Ein nordafrikanischer Mann sitzt im Freien am Boden vor einer Menge Utensilien.

Die Gesellschaft muss sich trauen, Konflikte einzugehen mit Menschen, die verbale Gewalt als legitimes Mittel der Gefühlsäußerung sehen

Die erste Welle der Empörung über die Hasspostings, die medialen Fragen rund um die Rechtmäßigkeit der Entlassungen und der Ruf nach Medienkompetenz für Jugendliche haben etwas nachgelassen. Aber rund um die Flüchtlingsproblematik ist vieles innerhalb unserer Gesellschaft von großen weltanschaulichen Differenzen geprägt. Auch nach der Feststellung, dass zum Beispiel beim jugendlichen Hassposter kein strafrechtlich relevanter Tatbestand gegeben ist, bleibt die Frage: Wie findet unsere Gesellschaft einen sinnvollen Umgang mit Menschen, die durch Hass angetrieben verbale Gewalt als legitimes Mittel der Gefühlsäußerung sehen?

Mit Menschen, ob Jugendliche oder Erwachsene, die glauben, "nur" ihre Meinung zu äußern, und nicht zwischen verbalem Angriff und Meinungsäußerung trennen?

Wenn Meinungen nicht überzeugen, wird die Debatte intensiviert, bis schließlich ein Krieg der Worte ausbricht. Von der tätlichen Gewalt ist das nicht mehr weit entfernt, und der Hass, der hinter diesen und vielen anderen Aussagen steckt, ist unabhängig vom Internet für unsere Gesellschaft eine Bedrohung. Die verbalen Anschläge auf Unbekannte im Netz und die realen Anschläge auf Flüchtlingsheime sind keine Form der Meinungsäußerung. Das sind Taten, die Hass und Angst entspringen. Der Ruf nach Medienkompetenz irritiert in diesem Zusammenhang auch, weil die grundlegende Frage nicht ist, was und wie ich im Internet poste, sondern wie ich mich Menschen gegenüber verhalte –
verbal und im Handeln –, die ich nicht mag oder die nicht mein Verständnis der Welt teilen.


Verbale Grenzüberschreitungen

Der Ruf nach menschenwürdigem Umgang schlägt oft ins Gegenteil um, wenn es um Andersdenkende geht beziehungsweise um Menschen, die Grenzen anderer – etwa von Flüchtlingen – verbal überschritten haben. Da scheinen dann Verurteilung, Beschämung und Besserwisserei in Ordnung.

Zwei Muster prägen die Auseinandersetzung: Ausgrenzung und Überzeugenwollen. In Blogs und Postings wird sehr schnell ausgegrenzt und abgegrenzt und nach therapeutischer oder sozialpädagogischer Begleitung gerufen. Nach dem Motto: Es sollen sich bitte kompetente Fachleute darum kümmern (auch eine Form der Abgrenzung).


Ausgrenzung keine Lösung

Doch Ausgrenzung und Kontaktabbruch sind keine Lösung. Ich bin Psychologin und Family Counselor. Deshalb sehe ich diese Reaktionen in Zusammenhang mit einem Erziehungsmodell, das auf jedem Spielplatz beobachtet werden kann. Ein Modell, das auch unter "gewaltfrei" Erziehenden als Möglichkeit erscheint: das Modell der Ausgrenzung. Nach dem Motto: "Wenn du wieder brav bist, darfst du wieder zu mir", "Wenn du dich beruhigt hast, kannst wieder zum Mittagtisch", "Wenn du aufhörst rumzuzicken, unterhalte ich mich wieder mit dir!"

Übertragen auf die Kommentare im Netz: "Er hätte eine Strafe bekommen sollen, dann hätte er Zeit gehabt, über sein Leben und sein Handeln nachzudenken", "Es ist gerechtfertigt, dass der Hassposter auf die Straße gesetzt wird, dann lernt er vielleicht, dass das nicht in Ordnung ist." Oder, etwas subtiler: "Das ist nur ungerechtfertigte Angst, die muss man in den Griff bekommen", "Jetzt sei doch mal vernünftig – dann können wir reden!"

Kontaktabbruch macht noch wütender

Es ist nicht so, dass Kontaktabbruch zu Läuterung, Verständnis und mehr Empathiefähigkeit führt. Das lässt sich einfach an sich selbst beobachten. Wenn uns etwas emotional betrifft, wenn wir wütend sind, ärgerlich, irritiert oder aufgebracht, wollen wir, dass unsere Botschaft ankommt. Wir wollen gehört werden. Der Kontaktabbruch hingegen macht uns noch wütender. Das ist das erste destruktive Muster.

Wenn ich die Kommentare zu verschiedenen Flüchtlingsartikeln lese, sehe ich sehr viele Menschen, die großen Frust haben. Die den Eindruck haben, zu kurz zu kommen. Die sich in ihrem persönlichen Dilemma nicht ernstgenommen fühlen. Und auf der anderen Seite eine überhebliche Masse, die diesen Menschen sagt, dass das, was sie da von sich geben, Schwachsinn ist und ihre Themen und Sorgen im Vergleich zu denen der Flüchtlingen nichtig. Das verstärkt den Hass.

Auch Argumente lassen Hass nicht schwinden

Das führt zum zweiten Muster: Überzeugen der Überzeugten. Wir hoffen, durch sachliche, stichhaltige und vor allem überzeugende Argumente die anderen von unserer Weltsicht überzeugen zu können. Manchmal rütteln Daten, Zahlen und Fakten auf, aber unser Weltbild wirklich erschüttern tun sie selten. Das tun sie auch aus gutem Grund nicht, da unsere Überzeugungen und unsere Weltsicht, unsere Ängste und Sicherheiten viel tiefer verwurzelt und aus den Beziehungen und Interaktionen unseres bisherigen Lebens entstanden sind. Es wäre kaum sinnvoll, meine Weltsicht von jemandem, der mir nicht wohlgesinnt ist, hinterfragen zu lassen. Denn warum soll ich jemandem etwas glauben, der mir sagt, dass ich nicht "richtig ticke"?

Menschen entwickeln sich in Beziehung weiter

Der Ausweg aus diesem Dilemma sind Kontakt und die Anerkennung, dass Konflikte normal sind. Kontakt, weil wir uns und unsere Überzeugungen nur durch Menschen hinterfragen lassen, bei denen wir spüren, dass ihnen etwas an uns liegt. Die sich für unsere Sorgen, Ängste und Nöte – auch die objektiv nicht zutreffenden – ehrlich interessieren. Menschen entwickeln sich in Beziehung weiter. Das trifft für Menschen aller Altersstufen zu. Das fordert uns heraus, mit unseren Mitmenschen in Kontakt zu treten. Aber das tun wir meist genau in diesen Situationen ungern, weil wir den Konflikt scheuen. Wir meiden die kontroversen Themen.

Harmonie als Illusion

Ein Mythos unserer Gesellschaft ist die Illusion der Harmonie. Sobald zwei Menschen enger miteinander zu tun haben, gibt es unterschiedliche Bedürfnisse, Wünsche, Ansichten oder Ängste. Konflikte zu diesen Bereichen sind normal. Konflikte sind eine Tatsache des Lebens und nicht ein vermeidbares Übel.

Unterschiedliche Meinungen und Ansichten sind Grundlage unserer Demokratie, sind die Basis für Entwicklung und Innovation, sind letztendlich die Basis unseres Wohlstandes. Ein Konflikt ist nicht das Problem, sondern der Anfang einer Lösung. Wir brauchen unterschiedliche Weltanschauungen, um weiterzukommen.

Konflikte suchen

Erst wenn wir diese Tatsache anerkennen, können wir eine konstruktive Konfliktkultur entwickeln. Eine Konfliktkultur, die den anderen in seiner Menschenwürde unangetastet lässt, aber Raum gibt für Auseinandersetzung, Diskrepanz, Widerspruch und gemeinsames Ringen um Lösung der Themen, die uns gemeinsam betreffen.

Wir dürfen jugendliche Hassposter nicht ignorieren, aber auch nicht den Fachleuten überlassen. Wir müssen Kontakt suchen, verstehen wollen, Anderssein akzeptieren (nicht die verletzenden Äußerungen!) und uns trauen, Konflikte zu entwickeln, aus denen alle als Gewinner hervorgehen.

 

Angst ist ein Grundgefühl, ein Gefühl, das sich in bedrohlich empfundene Situationen in Besorgnis und Erregung äußert.
Wie viele von Euch auch beschäftigen mich die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse dieser Tage. Was mich dabei am meisten beschäftigt ist die Macht der Angst.
Es stellen sich viele Fragen bezüglich des Umgangs mit Flüchtlingen, Herausforderungen der Migration, Umgang mit psychisch labilen Menschen. Aggression und Unberechenbarkeit, aber auch Unsicherheit durch Unkenntnis können verständlicherweise bedrohlich sein; können Angst auslösen.

Ich frage mich seit einiger Zeit, was wir als Gesellschaft mit dieser Angst machen können. Meiner Wahrnehmung nach bekommt die Angst politisch und gesellschaftlich einen Raum und eine Macht, die an sich gefährlich ist. Die Angst wird von der einen Seite, (diejenigen, die sich nicht bedroht fühlen) nicht ernst genommen und von der anderen Seite (diejenigen, die sich bedroht fühlen) als Berechtigung für Kontrolle und das Beharren auf traditionellen Werten gesehen. Die Angst berechtigt dann vermeintlich zu unmenschlichen Beschlüssen und Handeln, weil man das Eigene, die eigene Sicherheit und die Vorhersehbarkeit bedroht erlebt.

Können wir etwas neben die Angst stellen? Wie können wir diese Angst beruhigen? Angst lässt sich nicht wegerklären oder wegrationalisieren, lässt sich nicht ignorieren, lässt sich auch nicht einfach abstellen. Was brauchen wir als Gesellschaft und als Einzelne, um mit dieser Angst umzugehen und gleichzeitig die realen Herausforderungen, die sich uns und der Welt stellen zu meistern? Die Lösungen der "einen" Seite sind derzeit keine Lösungen, die die "andere" Seite stehen lassen kann. Sie beruhigen nicht ihre Angst.

Das Bedürfnis nach Sicherheit, nach Vorhersehbarkeit und nach Zugehörigkeit sind existentielle Grundbedürfnisse, die wir sehr unterschiedlich befriedigen. Wenn jemand Angst hat, braucht er die Anerkennung dieser Bedürfnisse. Er/sie braucht auch ein Gegenüber, anerkennendes Mitgefühl beruhigt Angst und lässt den Blick wieder weiter werden. Wie das politisch oder gesellschaftlich aussehen kann, weiß ich nicht, aber ich denke es ist eine Richtung in die wir denken können und Menschliches menschlicher machen können.

Mobbing ist ein emotionales Problem: ein zwischenmenschliches und soziales Problem. Mobben kann man nicht alleine und das muss sowohl Prävention als auch Intervention ernstnehmen. Ohne Entwicklung und Stärkung des Selbstgefühls, des Selbstwertgefühls, der emotionalen Regulationsfähigkeiten und der Fähigkeit die eigenen Grenzen zu schützen, bleibt es ein Wissen im Kopf und kann in kritischen Situationen nicht genutzt werden.

Dass Mobbing kein Problem des Verstehens ist klingt vielleicht etwas plakativ und es stimmt nicht ganz. Natürlich ist es wichtig, dass Kinder (und Erwachsene) verstehen, was ihre Taten und ihre Art für andere bedeuten. Aufklärungsarbeit ist wesentlich. Aber Mobbing ist in erster Linie ein emotionales Problem. Mobbing ist ein zwischenmenschliches und soziales Problem: mobben kann man nicht alleine. Und auf dieser Ebene muss sowohl Prävention als auch Intervention ansetzen.

Der Zusammenhang zwischen einer mangelhaften Entwicklung des Selbstwertgefühls und Mobbing (sowohl von Täter- als auch von Opferseite her) ist in meiner Erfahrung auffallend.

Aber in einem Schulsystem, das sich nicht für die Entwicklung der emotionalen Intelligenz zuständig fühlt, sondern Gefühle und das emotionale Wohlbefinden der SchülerInnen zum großen Teil als „Sache der Eltern“ oder als „Erziehungthema“ versteht, ist es auch nachvollziehbar, dass ein blinder Fleck genau an dieser Stelle entstehen kann. (Ich möchte betonen, dass das keineswegs alle LehrerInnen betrifft und dass ich sehr wohl viele LehrerInnen kenne, denen diese emotionale Ebene wichtig ist und die auch versuchen dies zu gestalten)

Aber unser System und die Lösungen, die wir daraus entwickeln, haben meiner Meinung nach hier wirklich einen blinden Fleck. Die OECD formuliert das Anliegen wie folgt: "Kinder brauchen ein ausgewogenes Set an kognitiven, sozialen und emotionalen Fähigkeiten, um ein positives, gutes Leben zu erreichen." (Standard.at am 23.3.2015) und sieht das auch als Aufgabe der Schule. Wenn ich mir das Interview (ebenda), das in diesem Zusammenhang mit dem Lehrergewerkschafter der Pflichtschullehrer (diese betreuen in Österreich Kinder zwischen 6 und 15 Jahren!) geführt wurde anschaue, dann lese ich heraus, dass aus seiner Sicht die Lehrer für das Kognitive und die Eltern (und wenn die „auslassen“) dann Schulpsychologen und Sozialarbeiter für die sozialen und emotionalen Fähigkeiten zuständig sind.

Das wäre ja schön und praktisch, vor allem für die Wissenschaft und für berufliche Zuständigkeitsbereiche, wenn wir uns als Menschen so in unterschiedliche Teile teilen könnten. Aber weder wir noch unsere Kinder können unsere emotionale Entwicklung von unserer kognitiven Entwicklung trennen, und beides wird sehr maßgeblich von dem sozialen Umfeld beeinflusst, mit dem wir gerade zu tun haben. Das heißt, dass auch LehrerInnen einen großen sozialen und emotionalen Einfluss auf ihre Schüler als Einzelne, aber auch als Schulklasse haben, und das ganz unabhängig davon ob sie sich dafür Zuständig fühlen oder nicht. Das heißt aber auch, dass ich nicht nur rational handeln kann, wenn ich emotional verletzt worden bin. Und das erklärt auch warum Mobbing so machtvoll ist. Es nutzt genau diese Tatsache, dass wir durch soziale Ausgrenzung oder Druck in eine existentiell bedrohliche Situation kommen, wir emotional sehr betroffen und verletzt werden und unser Gehirn nicht mehr auf der Sachebene gut funktioniert.

Das große Ausmaß an Kindern in Österreich mit geringem Selbstgefühl und gleichzeitig viel Erfahrung im Umgang mit Aggression, Beschämung, und psychischem Druck als "legitimes" Mittel etwas durchzusetzen erschüttert mich zutiefst und ich bekomme immer wieder sehr hautnah in meiner Praxis mit, was das heißen kann.
Sowohl in der Arbeit mit Eltern als auch in der Arbeit mit pädagogischen Fachleuten erlebe ich eine Selbstverständlichkeit psychischem Druck und verbaler Gewaltanwendungen gegenüber, die mich immer wieder frappiert. „Ja, aber wenn ich sonst nicht weiterkomme, dann muss ich doch …“ Die Sätze die da kommen sind immer übergriffig und häufig ganz subtil demütigend. Da hängt man dann im Gespräch mit dem Kind gerne noch den Satz dran, „komm hab dich nicht so“ oder „ich mein es ja nur gut“ oder „wirst ja wohl nicht gleich eingeschnappt sein“. DAS ist MOBBING in Reinkultur, wenn es mit Druck und Macht gekoppelt ist. Und unsere Kinder sind da gut trainiert.

Im österreichischen Gewaltpräventionsprojekt wird das Ziel formuliert „die Schule für alle Kinder und Jugendlichen so zu gestalten, dass sie sich sicher fühlen und ein Klima der Toleranz und Wertschätzung vorherrscht“. Das ist sowohl aus lernpsychologischer als auch entwicklungspsychologischer Sicht ein sehr wesentliches Ziel, aber in der Umsetzung fehlt mir das Bewusstsein für die Bedeutung der Emotionsregulierung.

Dass Kinder (und Erwachsene) psychische Gewalt als solche benennen und erkennen, ist sehr wichtig und wesentlich, aber ohne die Entwicklung und Stärkung des Selbstgefühls, des Selbstwertgefühls, der emotionalen Regulationsfähigkeiten und der Fähigkeit die eigenen Grenzen zu schützen, bleibt dies ein Wissen im Kopf und kann in kritischen Situationen nicht genutzt werden.

Wesentlich ist daher aus meiner Sicht eine Kombination des aktuellen Wissens aus Psychologie, Neurobiologie, der Systemtheorie und dem fachlichen Wissen über Beziehungsgestaltung mit der Stärkung der grundlegenden menschlichen Kompetenzen, die unser Selbstgefühl stärken und dann in weiterer Folge unser Selbstwertgefühl. Wir brauchen die Fähigkeit, mit uns selbst in Kontakt zu sein, unsere eigenen Bedürfnisse und Grenzen zu spüren und effektiv zu schützen, um weder Täter noch Opfer zu werden.