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„Was wirklich, wirklich wichtig ist für Kinder sind Erwachsene, die jeden Morgen aufstehen und sagen: ‚Es wird spannend heute, welches Geschenk bekomme ich heute von meinem Kind, was kann ich heute über mich lernen?‘“

Jesper Juul

Vorne hinweg: Ich gönne der deutschen Nationalmannschaft ihren ersten Sieg über Italien[1].

Aber ganz platt: sie haben damit kein Trauma überwunden oder ähnliches.

Was ist eigentlich ein Trauma? Was ist eine Kränkung? Eine Enttäuschung? Und warum macht es Sinn diese Begriffe zu verstehen und zu unterscheiden.

Psychische Fachbegriffe werden zunehmend stärker von Presse und Netzwerken übernommen. Das hat zwar den Effekt, dass alles rund um das Psychische nicht mehr so stark tabuisiert wird, aber das ist ein zweischneidiges Schwert. Es findet nämlich eine brisante Vermischung von Begriffen und Halbwissen statt.

Was ist eigentlich ein Trauma? Was ist eine Kränkung? Eine Enttäuschung? Und warum macht es nicht nur für Fachleute Sinn diese Begriffe zu verstehen und zu unterscheiden.

Deshalb heute Mal ein bisschen psychologisches Hintergrundwissen aus Anlass der EM Berichterstattung, die neben existentiellen Themen unsere Presse derzeit vereinnahmt.

Die Fakten sind: Deutschland hat noch nie in einem Großereignis gegen Italien gewonnen – das ist reine Statistik. Aber wie wir alle wissen kommen hier Emotionen, Hoffnungen und vieles mehr in Bewegung. Durch die Tatsache 0 Siege / 4 Niederlagen wurde das neuerliche Zusammentreffen besonders aufgeladen. „Die Bilanz ist erschütternd: Acht Spiele, vier Unentschieden, vier Niederlagen.[2] Was macht das erschütternd?

Mit jeder Niederlage sind Gefühle der Frustration, der Kränkung und der Scham verbunden. Das sind alles Gefühle, über die keiner leicht spricht. Das sind sehr „persönliche“ Gefühle, die offenbart keiner gerne. Aber jeder kennt sie – in unterschiedlichem Ausmaß und mit unterschiedlichen Schlussfolgerungen. In seltenen Fällen ist eine Niederlage sogar gefühlt auch ein Sieg, was wir diese Tage auch erlebt haben: „Und die Isländer fahren im Bewusstsein heim, ohnehin irgendwie Sieger der 15. EM gewesen zu sein. Und deren wohl größten Sympathieträger.[3] Der Spiegel schreibt „Trauma überwunden, grenzenloser Jubel[4] aber auch dass Löw von einem Trauma nichts wissen will …

Was wäre denn ein Trauma?

Und was ist der Unterschied zwischen einem Trauma und einer Kränkung, zwischen einem Trauma und einer anderen psychischen Verletzung. Und warum wäre auch eine weitere Niederlage für Deutschland kein Trauma gewesen?

Ein Trauma ist ein vitales Diskrepanzerlebnis. Man steht zwischen einer bedrohlichen Situation und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten[5]. Es ist der menschliche Umgang mit der Katastrophe.

Ein traumatisches Erlebnis ist eine Situation, die mich (Leib und/oder Seele) massiv und existentiell bedroht und in der meine Handlungsmöglichkeiten nicht ausreichen, um mich zu schützen oder mich zu wehren. Das führt zu sehr starken Gefühlen der Ohnmacht und des schutzlos Preisgegebenseins und führt kurz- und langfristig zu einer Erschütterung des Selbst und des Weltverständnisses, das Grundvertrauen in die Welt schwindet.

Es bedarf mindestens dieser drei Elemente, um von einem Trauma zu sprechen

  1. Existentiell bedrohlich!
  2. Ohnmacht und keine ausreichenden Handlungsmöglichkeiten
  3. Massive Erschütterung des Selbst und des Weltverständnisses

Humorvoll gesprochen können wir im Fall der deutschen Nationalmannschaft vielleicht davon sprechen, dass ihr Selbstbild durch die wiederholten Niederlagen erschüttert wurde. Aber keine der Niederlagen war existentiell bedrohlich und das Team war weder schutz- noch hilflos dem Ganzen ausgeliefert. 11 sportliche, starke Männer haben sich als Erwachsene freiwillig einem Duell gestellt, und die Realität hat ihnen (in diesem Fall mehrfach) die Grenzen ihres Könnens aufgezeigt. Ganz einfach – das ist enttäuschend und je nachdem wie es verlaufen ist und wie danach darüber gesprochen wird möglicherweise auch kränkend.

Traumatisierende Erlebnisse finden in Kriegen statt (betrifft alle vor Krieg flüchtenden Menschen), bei Katastrophen, einem Unglück. In solchen Situationen ist man einem oder mehreren traumatische Erlebnissen ausgesetzt. Nicht jeder ist aber in der Folge von einer Posttraumatischen Belastungsstörung betroffen. Viele Menschen entwickeln durch ihre persönlichen und sozialen Ressourcen einen wertvollen und sinnvollen Umgang mit dem erlebten Trauma[6].

Eine weitere Form der Traumatisierung sind Kindheitstraumata – aber nicht alle Kränkungen und Verletzungen, die ein Kind erleidet sind traumatisierend. Traumatisierend wird es genauso wie oben beschrieben, wenn es (aus Kindessicht!!) bedrohlich erlebt wird, die eigenen Handlungsmöglichkeiten nicht ausreichen und das Kind sich falsch fühlt. Kinder lernen in diesen Situationen emotional „einzufrieren“, still zu werden. Und entwickeln ein starkes Bedürfnis, sich auszukennen und zu orientieren und Dinge soweit möglich zu kontrollieren. Das ist ein sinnvoller Versuch die eigenen Handlungsmöglichkeiten zu erweitern. Diese Kinder sind immer auf der Hut, weil sie die erlebte Katastrophe, die oft nicht bewusst zugänglich ist, nicht benennen können und nie wissen können, ob nicht wieder etwas Schlimmes unerwartet passiert.

Das ist in aller Kürze ein kleiner Abriss über psychische Traumata. Und das ist gerade im Umgang mit geflüchteten Kindern und Erwachsenen, oder anderen Menschen, die Heftiges erlebt haben ein hilfreiches Hintergrundwissen.

Andererseits ist Trauma aber ein „großes“ und vor allem abstraktes Wort, das uns die Möglichkeit gibt über etwas Schlimmes und Heftiges zu sprechen, ohne direkt eine Gefühlsanbindung zu haben. Das Wort Trauma löst bei den meisten Menschen nicht die Angst und die Bedrohung aus, von der sie eigentlich handelt. Das macht es auch für die Presse leicht es als reißerische Schlagzeile zu nutzen.

ABER:
Viel häufiger als Traumatisierungen finden Enttäuschungen und Kränkungen, Demütigungen und Beschämungen statt. Zum Beispiel bei Niederlagen im Sport, im Schulalltag, im Job und in der Partnerschaft.

Über diese Erfahrungen und Erlebnisse zu sprechen ist , wie oben erwähnt, für die meisten Menschen schwierig. Man kann kaum über Enttäuschungen sprechen, ohne in Berührung mit den dazugehörigen Gefühlen zu kommen. Und auch der Begriff der Kränkung löst unmittelbar starke Empfindungen aus, auch wenn er konkret schwer zu fassen ist. Wenn man diese Begriffe ausspricht, spürt man die menschliche Verletzlichkeit; das Persönliche und Individuelle, das jeder Kränkung innewohnt.

Ich mache in Therapiesitzungen und Beratungen die Erfahrung, dass schon allein, dass ich anspreche, dass etwas enttäuschend oder kränkend gewesen sein könnte, zu starken Abwehrmechanismen führen kann. Menschen rechtfertigen, erklären und werten sich und ihre Empfindungen selber ab. ZB. die Enttäuschung anerkennen, dass ich von meinen Eltern nicht das bekommen habe, was ich vielleicht gebraucht hätte, holt das Gefühl heim. Es wird mein Gefühl. Oder wenn ich damit in Berührung komme, dass mich vielleicht eine lächerliche Kleinigkeit, die mein Partner vergessen oder gesagt hat, wirklich gekränkt hat (auch wenn es nicht logisch sein mag). Dann zeige ich mich verletzlich, dann bin ich in Berührung mit meinen Gefühlen und Empfindungen, mit mir als ganzem Menschen und mit aller Unsicherheit, die dieses Leben mit sich bringt. Dieses Gefühl des Ganzseins ist gleichzeitig auch eine wesentliche Komponente psychischer Stabilität und Gesundheit.

Enttäuschung, Kränkung, Scham und Verletzlichkeit - ein wichtiger Teil des Lebens

Es ist für unsere persönlichen Beziehungen, für unsere Partner und unsere Kinder wichtig, dass wir über Enttäuschungen, Kränkungen und Beschämendes sprechen. Dass wir unser Vokabular erweitern und unsere inneren Empfindungen benennen. Und alle drei angesprochenen Erfahrungen und Gefühlskomplexe sind Dinge, die zwischen Menschen passieren. Es gibt immer einen, der kränkt (manchmal absichtlich, zb. Mobbing – manchmal unabsichtlich und oft sogar unwissentlich), etwas das kränkt (ein Satz, ein Blick, etwas Vorenthaltenes, …) und jemand, der durch etwas gekränkt wird. Es landet auf persönlichen wunden Punkten. Deshalb kann ein Satz, den einen kränken und den anderen nicht.

Die Niederlagen waren sicher enttäuschend, frustrierend, vielleicht auch kränkend und beschämend für die deutsche Nationalmeisterschaft. Aber das weiß leider keiner von uns so genau, weil über diesen Aspekt nicht gesprochen wird. Das Spiel wird analysiert, die Fehler ausgebreitet. Experten und Nichtexperten wissen im Nachhinein alles besser, aber die Gefühle, die Frustration, die Kränkungen, Demütigungen die auch dadurch entstehen, haben keinen Raum. Damit entsteht eine Gesellschaft, die jedem von uns stillschweigend vermittelt, diese Gefühle solltest du gar nicht haben.

Es macht aber auch Sinn, dass das in unserer sehr wertenden und leistungsorientierten Gesellschaft, diese Themen nicht angesprochen werden. Wenn man solche Gefühle zeigt, zeigt man seine verletzliche Seite, macht sich angreifbar und daher brauchen diese einen bewertungsfreien Raum. Einen Raum, wo man gemeinsam sagen kann: „shit happens“ und wenn es um Kränkung geht: „sorry“.

An dieser Stelle noch zwei Bücher sehr empfehlenswerte, gut zu lesende Bücher:

Ganz neu „Die Macht der Kränkung“ von Reinhard Haller. Als Gerichtspsychiater kommt er zwar von der extremen Seite, aber alles, was er beschreibt, lässt sich weniger extrem ausgeprägt in unserem Alltag und in unseren Beziehungen wiederfinden.

Und „Scham – die tabuisierte Emotion“ von Stephan Marks. Einführung in die Aspekte der Scham und die Auswirkungen auf uns als Einzelne, auf unsere Gesellschaft und auf Erziehung.

 


[1] www.derstandard.at/2000040294227/Deutschland-ueberwindet-Italien-Trauma-nach-verruecktem-Elferschiessen

[2] www.11freunde.de/artikel/deutschland-vs-italien-die-schlimmsten-niederlagen

[3] www.derstandard.at/2000040337679/La-Gloire-fuer-Frankreich-Chapeau-fuer-Island

[4] www.spiegel.de/sport/fussball/em-2016-deutschland-nach-italien-sieg-um-demut-bemueht-a-1101046.html

[5] Fischer/Riedesser 2009 Lehrbuch der Psychotraumatologie

[6] Schiffer, Wie Gesundheit entsteht 2011

 

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Wer hofft ist jung.

Wer könnte atmen ohne Hoffnung.

Die letzten Wochen und Monate haben mich sprachlos und manchmal atemlos hinterlassen. Existentielle Fragen, schmerzhafte Irritationen, Angst vor den politischen Richtungen, die zumindest lauthals stark scheinen und die im krassen Widerspruch zu meinem alltäglichen Leben und Erleben mit anderen stehen. Berührende Begegnungen, sowie einsame und gemeinsame Tränen.

Daher auch keine Blogeinträge, keine Newsletter. Ich wusste nicht was schreiben. Die Worte zu den Gefühlen und Gedanken waren entweder zu viel oder zu wenig und flossen nicht.

Aber dieser Satz hat etwas ins Rollen gebracht, hat meine Gedanken synchronisiert: "Wenn ich sage es geht mir gut, dürfen sie das nicht uneingeschränkt glauben"

Die politischen Ereignisse und Wendungen der Machtinhaber erlebe ich hier in Österreich fassungslos und wütend. Die Begegnungen mit Menschen, die in ihrem jeweiligen Umfeld Menschliches möglich machen und darüber hinaus Ressourcen sichtbar machen, berühren mich wiederum zutiefst. Die Begegnungen mit geflüchteten Menschen, sind tränenreich. Nicht immer nach außen, aber immer nach innen. Das Erlebte ist schmerzvoll, tragisch und traurig. Und gleichzeitig passiert in diesem Umfeld unglaublich Schönes, Tragendes, und Menschliches.

Aber auch in meinem privaten Umfeld, bin ich mit Schmerz, mit existentiellen Fragen rund um Leben und Tod, rund um Leben und Abschied in Berührung. Menschen, die alt werden und von uns gehen, Menschen, die krank sind und Menschen, die alle Hoffnung verloren haben und selbstbestimmt aus diesem Leben scheiden.

Im Beruf sitze ich mit Menschen zusammen, wo der große Schmerz der verlorenen Liebe und Anerkennung durch jede Abwertung und Abgrenzung tausend Bände spricht; Menschen, die enttäuscht sind vom Leben, von den Hoffnungen, die sie in ihre Familie gesetzt haben; Menschen, die nicht mehr weiterwissen; Fachleute, die sich ohnmächtig fühlen.

Im letzten Jahr musste ich auch von einigen Träumen und Wünschen Abschied nehmen. Hoffnungen und Pläne begraben.

"Wenn ich sage es geht mir gut, dürfen sie mir das nicht uneingeschränkt glauben" Dieser Satz hat meine aktuellen Empfindungen in Worte gefasst. Ein Satz eines 22 jährigen geflüchteten Mannes aus Iran.

Ja es geht mir gut! Ja ich lebe mein Leben! Ich kann entscheiden. Ich kann sinnvolles tun. Ich kann meinen Beitrag leisten und ich kann auf mich schauen, mich zurückziehen, wenn es zu viel wird. Ich habe Orte des Rückzuges. Ich habe ein Bett in dem ich ruhen kann. Ich habe Freunde, mit denen ich die Trauer und den Schmerz teilen kann. Ich bin lebendig. Ich kann leben, mich spüren und mich am werdenden Frühling freuen.

Aber dieses "gut gehen" ist ein anderes, als noch vor einiger Zeit. Ich bin zeitgleich tief berührt, traurig, sehr schockiert, bin wütend und frustriert, ohnmächtig und hilflos. Es ist nicht "alles in Butter", in Ordnung oder gut. Weder in mir drin, noch im außen. Es ist ein sowohl als auch. Es ist ein sehr lebendiges Sein, wenn ich die Vielfalt der Gefühle zulasse. Ich bin verletzlich. Ich habe Angst. Aber ich bin in meiner Kraft und ich bleibe handlungsfähig.

Aber wenn nicht, werde ich stumm und still, überfordert und resigniert. Dann nimmt die Ohnmacht überhand und ich werde unbeweglich und auf die negativen Gefühle fokussiert. Ich verliere die Hoffnung.

Ich bin unendlich dankbar für Menschen wie Rosa Ausländer, geb. 1901, die beide Weltkriege durchlebt hat oder der junge Mann aus dem Iran, die Bilder und Worte zur Verfügung stellen.

 

Wer hofft ist jung

Wer könnte atmen ohne Hoffnung

Dass auch in Zukunft Rosen sich öffnen

Ein Liebeswort die Angst überlebt

Link zum offenen Brief von Hessam Abdollahi, wenn Ihr noch mehr von seinen sehr schönen Worten lesen wollt: "Wenn ich sage es geht mir gut, dürfen sie das nicht uneingeschränkt glauben"

 

 

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Jeden Donnerstag morgen vor dem normalen Start in den Alltag mache ich mit einer Gruppe Achtsamkeitsübungen und leichtes Yoga. Aber warum mach’ ich das?
Die kurze Antwort: Weil es mir gut tut, zuerst bei mir anzukommen, bevor ich mich mit anderen beschäftige. Weil ich den Kontakt zu mir, meinem Körper, meinen Gefühlen und Gedanken brauche, um präsent zu sein.
Die etwas längere: Im bewussten mir selber Raum Geben komme ich bei mir an. Ich habe einen Beruf, den ich auch als Berufung empfinde und der eine hohe persönliche Präsenz erfordert.

Ich als ganze Person mit meinen Gedanken, Gefühlen und Wissen muss anwesend sein. Manchmal sind die Geschichten, die Themen, die Herausforderungen, mit denen ich konfrontiert werde, sehr intensiv, die Not meines Gegenübers sehr groß. Da liegt es nahe, sich ganz auf den Anderen oder das Thema zu fokussieren und sein fachliches Wissen innerlich zu scannen, damit man das Relevante zur Verfügung hat. Die Gefahr dabei ist, sich selbst aus dem Blick zu verlieren. Den Kontakt zu den eigenen Empfindungen und Gefühlen abzubrechen. Man empfindet sie häufig auch als störend, nicht zielführend und unprofessionell.

Wie schaut eine gesunde Beziehung zu unserem eigenen Ego, zu unseren Fähigkeiten, Stärken und Schwächen aus? Wie können wir uns selbst ernst nehmen, damit wir ehrlich und offen das Wohl anderer ernst nehmen können? Dazu müssen wir meiner Erfahrung nach unsere Grenzen kennen, unsere emotionalen Reaktionen spüren, wissen, was in uns vorgeht und wissen, was wir wissen, damit wir kreativ und kompetent auf die jeweilige Situation reagieren können.

Ganz präsent sein heißt für mich: In Kontakt mit meinem inneren Beobachter zu sein, meine Gedanken bewusst ruhen lassen zu können, meine Empfindungen und Gefühle wahrnehmen, meinen Körper und seine Reaktionen spüren. Aber es heißt auch meine Flexibilität, meine Beweglichkeit zu nutzen, meiner Kreativität im Hier und Jetzt Raum geben zu können. Es bedeutet, dass ich bei mir selber zu Hause bin, damit ich mit anderen Menschen in Kontakt gehen kann. Es bedeutet mich ernst nehmen!

Um meine Achtsamkeit umfassend zu schulen, nutze ich die fünf menschlichen Grundfähigkeiten, die im Pentagramm Modell von Jes Bertelsen beschrieben sind: das Bewusstsein, den Atem, den Körper, die Empathiefähigkeit und die jedem Menschen innewohnende spontane, schöpferische, kreative Kraft.


Das Bewusstsein ist die Fähigkeit jedes Menschen offen wahrzunehmen. Das Hier und Jetzt erleben und erfahren zu können. Aufzunehmen, was ist. Das Bewusstsein alleine wahrzunehmen ist schwierig, weil es meist an einen Inhalt gekoppelt ist. In Achtsamkeitsübungen lenkt man das Bewusstsein und wird sich dadurch bewusst ob man denkt, fühlt u.a. und wie man das Bewusstsein lenken kann. Mit etwas Übung nimmt man auch die Pausen dazwischen bewusst wahr.
Mein Atem versorgt mich durchgehend mit frischem Sauerstoff und ermöglicht einen Austausch von Verbrauchtem mit Neuem. Mein Atem ist aber auch ein Kompass, der anzeigt, wie es mir gerade geht. Ob ich hektisch atme oder ruhig, ob ich flach atme oder in den Bauch usw. Ich erlebe meinen Atem als Anker in mir, er verbindet mich mit meinen Gefühlen. Und durch das bewusste Steuern meiner Atmung kann ich mich selber beruhigen, kann ich meine innere Stärke spüren.
Der Körper ist der Behälter, das Gefäß, der Resonanzraum und der Träger. Durch die Verbindung von inneren Übungen, die dem eigenen Empfinden Raum geben und den inneren Beobachter schulen, mit leichten Yogaübungen erhöhen wir unser Bewusstsein für unsere Beweglichkeit, unsere Stärke und Kraft.
Die Empathiefähigkeit ist die Fähigkeit mich mitfühlend, dankbar und wohlwollend Dingen, Menschen und mir selbst zuzuwenden. Es ermöglicht einen bewertungsfreien Raum, Dinge anzunehmen wie sie sind und weitet den inneren Raum mit Herausforderungen umzugehen.
Die eigene Kreativität ist eine andauernde Quelle schöpferischer Kraft. Sie ermöglicht uns, jederzeit spontan auf Dinge zu reagieren und unser Sein zu gestalten. Diese Grundkreativität reagiert ununterbrochen auf Impulse, die wir bewusst und unbewusst wahrnehmen. Sie lässt uns z.B. unsere Körperhaltung ändern und ermöglicht uns, sprachlich auf Impulse zu reagieren.

Natürlich kann ich Übungen, die diese Grundkompetenzen stärken, auch für mich alleine machen, aber in der Gruppe kommt noch eine Komponente dazu. Einerseits lasse ich mich anleiten, mich führen und kann dabei bewusster mein Bewusstsein wahrnehmen und mich entspannen. Andererseits verstärkt das Erleben in der Gruppe das Erleben der Fokussiertheit.
Alle diese Übungen stärken mein Gefühl für mich, für meinen momentanen Standpunkt, für meine momentanen Empfindsamkeiten und für meine Stärke. Wenn ich ganz bei mir bin, kann ich mich auf andere einlassen, ganz bei ihnen sein, ohne mich zu verlieren. Ich kann mitfühlen, ohne mich von Emotionen mitreißen zu lassen, mich mit Menschen und Emotionen verbinden, ohne abhängig von den jeweiligen Reaktionen zu werden. Ich kann – bildlich gesprochen – auf meinen Füßen stehen bleiben. Meinen Resonanzraum zur Verfügung stellen. Mein Fachwissen und meine Erfahrungen kreativ, bewusst und angepasst nutzen.
Dies alles sind Fähigkeiten, die regelmäßig geübt und vertieft werden müssen, um sie in herausfordernden Situationen nutzen zu können. Es reicht nicht, nur theoretisch zu wissen, wie es geht. Deswegen macht es für mich sehr viel Sinn, am Donnerstag extra früh aufzustehen und mir ein zusätzliches bewusstes Zeitfenster zum Vertiefen, Üben und mich Spüren zu gönnen.

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