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Banner - Robin Menges bloggt

„Was wirklich, wirklich wichtig ist für Kinder sind Erwachsene, die jeden Morgen aufstehen und sagen: ‚Es wird spannend heute, welches Geschenk bekomme ich heute von meinem Kind, was kann ich heute über mich lernen?‘“

Jesper Juul

Manchmal will ich nur STOPP! schreien!

STOPP! Wenn ich Bilder von Babys und Kindern, von Männer und Frauen in Aleppo sehe.

STOPP! Wenn ich mit Frauen und Männern arbeite, die ihr Möglichstes für Menschen in Krisen, für Menschen mit Beeinträchtigung, für Kinder, usw. geben, aber nicht ausreichend Ressourcen bereitgestellt werden, damit sie die psychischen Anforderungen gut bewältigen können.

STOPP! Wenn ich lese, dass die Mindestsicherung zur Diskussion steht und nicht die Vermögenssteuer.

STOPP! Wenn Menschen abgeschoben werden, als ob sie Ware wären, die man nicht bestellt hat.

STOPP! Wenn ich heuer im Urlaub an der Deutsch-polnischen Grenze eine Armut erlebe, die ich in Deutschland! nicht für möglich gehalten hätte und gleichzeitig nur ein paar hundert Kilometer weiter im selben Land Reichtum und Überfluss herrscht.

STOPP! Wenn ich genau dort auch nach 70 Jahren das Trauma des Krieges deutlich spüre. An zerbombten Brücken vorbeiradle, die seit 70 Jahren so stehen und die Unfähigkeit verdeutlichen über eine Grenze zu schauen und Verbindendes möglich zu machen.

STOPP! Wenn ich sehe, wie Eltern Beschämung und Leistungsdruck als Erziehungsmittel legitimieren, weil sie das zukünftige Wohl ihres Kindes vermeintlich im Auge haben und nicht das momentane.

STOPP! Genauso wie ich es manchmal LAUT und DEUTLICH in der Begleitung von streitenden Paaren sage.

Genau dort, wo jeder um seine Würde kämpft und die erhoffte Anerkennung in der Abwertung des anderen sucht. Genau dort wo tiefe Verletzungen sichtbar werden. Genau dort wo die Möglichkeiten klar zu denken eingeschränkt sind, weil schmerzhafte Gefühle der Verletzung, der Scham, des Nichtgesehenwerdens, der Abwertung, … überhand nehmen.
Wenn Anerkennung und Würde fehlen, wird die Luft zum Atmen dünn. Wenn der Sauerstoff fehlt, dann ringen wir nur noch um Luft und alles andere tritt in den Hintergrund. Das ist mit Anerkennung und Respekt nicht anders. Da ist dann jedes Mittel recht. Auch wenn mit zwei Schritt Abstand deutlich sichtbar ist, dass alle Versuche ins Gegenteil umschlagen, dass man mit dem eigenen Verhalten die eigene Würde in den Dreck zieht. So wie in allen Beispielen oben – die Würde des Einzelnen, die Würde eines Staates, die Würde von Verantwortungsträgern auf dem Spiel steht.
Damit die Würde gewahrt bleibt, braucht es innere Weite und Anerkennung. An-erkennung der verletzlichen Seiten des Lebens. An-erkennung der fehlerhaften Seiten des Menschseins. An-erkennen, dass wir nicht perfekt sind und auch nicht mit Anstrengung alles leisten können. An-erkennen, dass ich in letzter Instanz als Mensch nicht besser, aber auch nicht schlechter bin als jeder andere.


Anerkennung des Anderen: die Individualität und Mangelhaftigkeit zu sehen, genauso wie den zarten Kern dahinter.

Würde entsteht da, wo ich persönliche und individuelle Bedürfnisse bei mir und beim Anderen ernst nehme.

Würde entsteht da, wo einer anfängt und für sein Verhalten, das an die Grenzen des anderen stößt Verantwortung übernimmt.

Würde entsteht da, wo gesunde Aggression, die als Reaktion auf Grenzüberschreitungen entsteht, zum Schutz und zur Sicherheit eingesetzt werden können. Da wo wir STOPP! sagen.

Würde entsteht da, wo wir das gemeinsame Wohl aller nicht als Gegenspieler unserer eigenen Interessen, sondern als Bereicherung unserer eigenen Bedürfnisse wahrnehmen.

Würde entsteht da, wo wir anerkennen, dass wir letztlich alle als Menschen ähnliche Bedürfnisse, nach Sicherheit, Geborgenheit, Distanz, Individualität und das Gesehen werden in unserer Unterschiedlichkeit haben.

Würde entsteht da, wo wir anerkennen, dass wir uns letztlich nicht kennen und immer noch neugierig auf den anderen, auf sein momentanes Verstehen und Empfinden bleiben.

Danke für Euch alle, die ihr immer wieder im Großen und Kleinen STOPP! sagt und einen würdevollen Umgang einfordert. Der Gradmesser ist letztlich, ob ich mein Verhalten mit mir selbst und meiner Würde in Einklang bringen kann.

Ich schreibe in den nächsten Tagen an diesen Gedanken weiter und möchte ausführen, was sie für das Arbeiten bedeuten können.

Ich freue mich von Euch zu hören oder lesen.